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  • 28.10.2016
  • Praxis

Tuberkulose: Infektion verläuft häufig versteckt

Mittlerweile sind ein Drittel aller Menschen mit Tuberkulosebakterien infiziert (5), ältere Menschen sind besonders gefährdet. Die Erreger sind stärker denn je, übliche Antibiotika helfen oft nicht. Wichtig ist bei einer Infektion eine systematische Vorgehensweise, die auch im häuslichen Bereich vor allem die Hygiene betrifft. Neben einem ausreichenden Selbstschutz sollten Sie darauf achten, dass der Erkrankte starke körperliche Anstrengungen vermeidet und sich ausgewogen ernährt.

Typische Symptome können ausbleiben
Tuberkulose ist tückisch: Nur jeder zehnte Infizierte zeigt die typischen Symptome. Die Erkrankung tritt vermehrt bei älteren, untergewichtigen, körperlich geschwächten oder chronisch kranken Menschen auf. Bei den Übrigen verläuft sie still – aber sie können andere Menschen anstecken. Ein gesundes Immunsystem fängt die Erreger zwar ab, doch werden sie nicht getötet. Haben sich Gesunde infiziert, bricht die Erkrankung lediglich in fünf bis zehn Prozent der Fälle aus. Stress, Unterernährung und Alkohol können die Krankheit aber noch Jahre später auslösen (1).

 

Folgende Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an Tuberkulose zu erkranken:
–  Höheres Alter
–  Schwere chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus
–  Behandlung mit immunsuppressiven Medikamenten (zum Beispiel bei rheumatoider Arthritis)
–  Tuberkulose-Fälle in der näheren Umgebung
–  HIV-Infektion
–  Drogenabhängigkeit
–  Alkoholismus
–  Obdachlosigkeit
–  Aufenthalte in Risikogebieten für Tuberkulose.

 

Gefährliche Bakterien
Tuberkulose ist eine durch Mykobakterien verursachte Infektionskrankheit. In Deutschland kommt praktisch ausschließlich der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis vor, der üblicherweise über die Luft per Tröpfcheninfektion – also durch Husten, Niesen oder Sprechen – weitergegeben wird. Beim im Ausland vorkommenden Mycobacterium bovis kommt es hingegen auch zum Befall anderer Organe, insbesondere des Magen-Darm-Traktes, sodass eine Infektion über Ausscheidungssekrete wie Urin oder Stuhl möglich ist (1, 2).

 

Gelangen die Tuberkulosebakterien mit dem Atemstrom in die Lungen, bildet sich in den Folgewochen ein kleiner Primärherd, der zusammen mit den ebenfalls beteiligten Lymphknoten des Lungenhilus als Primärkomplex bezeichnet wird. Bei guter Abwehrlage heilt der Primarkomplex ab, möglicherweise allerdings unter Bildung von Streuherden. Jahre oder Jahrzehnte nach der Erstinfektion können diese während der Frühphase gesetzten Organherde reaktiviert werden (postprimäre Tuberkulose). Unbehandelt und bei schlechter Abwehrlage kann eine Tuberkulose zu dauerhaften Organschäden führen (3).

 

Bei der postprimären Tuberkulose ist in über 80 Prozent der Fälle die Lunge betroffen. Aber andere Organe können ebenfalls von der Tuberkulose befallen sein (zum Beispiel Knochen-, Gelenk- oder Urogenitaltuberkulosen). Bei unzureichender Behandlung oder Immunschwäche, zum Beispiel durch eine HIV-Infektion, kann die Tuberkulose tödlich enden. Dies ist jedoch sehr selten (1, 3).

 

Schwierige Diagnostik
Noch immer liegen bei der Tuberkulose derzeit durchschnittlich 1,7 Monate zwischen erstem Arztbesuch und Diagnose. Die Tuberkulose kann lange Zeit keine Krankheitszeichen zeigen. Falls Ihr Patient über lang andauernden Husten oder eine erhöhte Körpertemperatur mit Nachtschweiß klagt, sollten Sie ihn vorsichtshalber einem Arzt vorstellen, damit dieser die Gründe der Beschwerden klären kann.

 

Die gängigsten zur Diagnose eingesetzten Verfahren sind bakteriologische Untersuchungen, der Tuberkulin-Hauttest, der Interferon-Gamma-Bluttest und Röntgenuntersuchungen der Lunge (1).

 

Eine sichere Diagnose ist nur durch Erregernachweis in Magensaft und Speichel möglich. Eventuell ist eine bronchoskopische Sekretgewinnung erforderlich. In der Regel wird bei dieser Untersuchung das ausgehustete Sekret (Sputum) oder Sekret aus der Luftröhre oder den Bronchien auf Erreger analysiert. Für einen mikroskopischen Nachweis der Erreger ist allerdings eine größere Menge an Bakterien nötig. Deshalb ist es üblich, parallel zu den mikroskopischen Untersuchungen einen kulturellen Nachweis der Tuberkulose-Erreger durch Anzüchtung auf einem Nährmedium vorzunehmen. Hierdurch lässt sich auch bei geringerer Bakterienzahl eine Tuberkulose feststellen. Dieses Verfahren dauert jedoch etwa drei bis vier Wochen (1).

 

Nicht immer ist jedoch ein Erregernachweis möglich – obwohl Ihr Patient unter einer Tuberkulose leidet. Ist der Tuberkulose-Herd in der Lunge komplett abgekapselt, bezeichnet man dies als „geschlossene" Tuberkulose, eine Ansteckungsgefahr für andere besteht nicht. Bei der „offenen" Tuberkulose hingegen können die Tuberkelbakterien über die Atemwege durch Husten freigesetzt werden. Während bei einer offenen Tuberkulose in Sputum oder Magensaft Tuberkulosebakterien nachweisbar sind, ist dies bei einer geschlossenen Tuberkulose nicht der Fall (3).

 

Der Tuberkulintest prüft die immunologische Reaktion des Körpers auf den Kontakt mit Tuberkuloprotein (Abb. 1). Er wird fünf bis sechs Wochen nach der Infektion positiv. Ein positiver Test beweist lediglich die Auseinandersetzung des Immunsystems mit pathogenen Tuberkulosebakterien oder Impfstämmen, jedoch nicht eine Erkrankung. Umgekehrt kann der Test trotz Vorliegen einer Tuberkulose zum Beispiel bei hochakutem Verlauf oder bei Abwehrschwäche negativ ausfallen (2, 3).

 

Die neuen Interferon-Gamma-Tests haben den Vorteil, nur bei Mycobakterium tuberculosis zu reagieren und nicht bei anderen Mykobakterien-Arten. Ansonsten ist ihre Aussagekraft mit der des Hauttests vergleichbar. Auch sie zeigen nicht an, ob eine aktuelle Tuberkuloseinfektion vorliegt (1).

 

Nach wie vor ist die Röntgenuntersuchung – meist ergänzt durch eine Computertomografie (CT) – für die Diagnose wichtig. Auf Röntgenaufnahmen lassen sich vor allem Tuberkuloseherde in der Lunge gut erkennen, zudem lässt sich das Stadium der Erkrankung ermitteln (1, 3).

 

Wurde eine Tuberkulose diagnostiziert, muss dies umgehend dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Hatten Sie Kontakt zu Ihrem Patienten, ohne dass Sie sich vor einer Infektion schützten, müssen auch Sie gemeldet und untersucht werden (3).

 

Sorgfältige Pflege und Hygiene notwendig
Wichtig ist eine systematische Vorgehensweise gegen die Krankheit. Erkrankte sollten starke körperliche Anstrengungen vermeiden, sich kalorisch ausreichend und ausgewogen ernähren, während der Behandlung auf Alkohol verzichten sowie auf Dauer lungenschädigende Faktoren (beispielsweise Rauchen) vermeiden.

 

Achten Sie darauf, dass Ihr Patient regelmäßig die ihm verordneten Medikamente einnimmt. Beobachten Sie ihn genau: Wie hoch ist seine Körpertemperatur? Wie ist sein Allgemeinbefinden? Hustet er des Öfteren? Wie sieht das Sputum aus? Leidet Ihr Patient unter Appetitmangel? Messen Sie zweimal wöchentlich das Körpergewicht, um eine eventuelle Gewichtsabnahme feststellen zu können.

 

Besonders bei offener Lungentuberkulose sind gewissenhafte Hygienemaßnahmen sehr wichtig, um zu verhindern, dass Ihr Patient andere Menschen oder sogar Sie ansteckt. Ihr Patient muss alleine in einem Zimmer untergebracht werden – in der Regel so lange, bis der Erregernachweis im Sputum dreimal negativ war (meist etwa drei Wochen nach Beginn der medikamentösen Therapie). Erklären Sie Ihrem Patienten, dass er sich beim Husten oder Niesen ein Papiertuch vor Mund und Nase halten soll, um die Anzahl der Keime in der Raumluft möglichst gering zu halten. Ihr Patient sollte mit möglichst wenig Menschen in Kontakt kommen. Er sollte nur von Angehörigen besucht werden, die vorher über die Ansteckungsgefahr und Hygienemaßnahmen aufgeklärt worden sind.
Schützen Sie sich selbst vor einer Infektion. Betreten Sie das Zimmer Ihres Patienten, legen Sie sich vorher einen Mund-Nasen-Schutz an und ziehen einen Schutzkittel und Handschuhe an. Seien Sie besonders vorsichtig beim Umgang mit Sputum und vermeiden Sie, angehustet zu werden. Benutzen Sie beim Absaugen eine Schutzbrille. Desinfizieren Sie Ihre Hände zweimal und lassen Sie das Desinfektionsmittel jeweils 30 Sekunden einwirken.

 

Verwenden Sie nur Desinfektionsmittel, die nach der Liste der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM-Liste) wirksam sind, beispielsweiseDesderman® oder Gigasept®. In der Regel werden eine laufende Desinfektion patientennaher Flächen und eine Schlussdesinfektion aller erreichbaren Flächen durchgeführt.

 

Muss Ihr Patient transportiert werden, sollte er einen Schutzkittel und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Ein chirurgischer Mund-Nasen-Schutz reicht aus. Der Mundschutz muss alle zwei bis drei Stunden gewechselt werden, da die Feuchtigkeit der Atemluft die Filterschicht für Bakterien passierbar macht.

 

Langfristige Therapie
Die Erkrankung verläuft über einen längeren Zeitraum. Da sich die Tuberkuloseerreger etwa 50 Mal langsamer teilen als zum Beispiel die regulär vorkommenden Bakterien im Darm und die Keime vor allem während ihrer Vermehrung empfindlich gegenüber Antibiotika sind, muss über eine entsprechend lange Zeit hinweg mit Medikamenten behandelt werden (1).

 

Bedenken Sie, dass für die Ausbreitung der Epidemie „ein bisschen Therapie" schlimmer ist als gar keine. Wird Ihr Patient falsch oder zu kurz behandelt, werden die Erreger resistent gegen die Medikamente. Der Patient ist nicht geheilt, er erleidet einen Rückfall und verbreitet möglicherweise eine neue Form der Krankheit.

 

Denken Sie immer daran, dass eine frühzeitige Diagnose und eine konsequente Behandlung Erkrankter entscheidend für die Heilungschancen des Einzelnen, die Unterbrechung der Infektionskette und die Eindämmung von Resistenzentwicklungen sind (3).

 

Literatur:
(1) Apotheken Umschau, Ärztlicher Ratgeber. Tuberkulose, www.apotheken-umschau.de/tuberkulose-A050829ANONI0 13293.html, 2009
(2) Consilium practicum: Handbuch für Diagnose und Therapie, CEDIP Verlag Österreich, 1. Auflage, 2007
(3) Menche, N.: Pflege heute, 4. Auflage, Urban & Fischer. München, Jena 2007
(4) Mutschler, E. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen kompakt. Basiswissen Pharmakologie und Toxikologie. Wiss. Verlagsges. Stuttgart 2005
(5) World Health Organization (WHO), Tuberculosis, www.who.int/topics/tuberculosis/en/, 2009

 





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