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  • 28.10.2016
  • Praxis

Pflege auf den Färöer-Inseln

Eines Nachts in Tórshavn

Wo die deutsche Pflege hin will, ist sie auf den Färöern schon lange: Die Ausbildung erfolgt auf Universitätsniveau, der Job ist gut bezahlt, Pflegekräfte sind in der Gesellschaft hoch angesehen. Wir haben mit einer einheimischen Krankenschwester gesprochen, um mehr herauszufinden.

Wenn die Nacht anbricht, gehen in Tórshavn im wahrsten Sinne des Wortes die Lichter aus. Straßenlaternen und Leuchtreklamen erlischen – das lebhafte Treiben des Tages weicht einer friedlichen Stille. Einzig das am Rande der Innenstadt gelegene Krankenhaus Landssjúkrahúsið ist noch hell beleuchtet. Der 5600 Quadratmeter große Komplex ist auch tagsüber ein wahrer Blickfang inmitten der vielen bunten Holzhäuser, die das Erscheinungsbild der im Volksmund „kleinsten Hauptstadt der Welt" prägen. Das Landssjúkrahúsið ist die größte Klinik der Färöer und verfügt über 180 Betten in 29 medizinischen Fachabteilungen. Eine davon ist die Pädiatrie – der Arbeitsplatz von Krankenschwester Inga Old. An diesem Abend beginnt für die 32-Jährige die erste von insgesamt vier Nachtschichten.

Färöer
Die Färöer sind eine zwischen den Britischen Inseln, Norwegen und Island gelegene Inselgruppe im Nordatlantik. Mit Ausnahme der kleinsten Insel sind alle 18 Inseln bewohnt. Die Färöer sind ähnlich wie Grönland eine weitgehend autonome Nation innerhalb des Königreichs Dänemark und haben mit dem sogenannten Løgting eines der ältesten Parlamente der Welt. Knapp 50000 Menschen leben auf den Färöern. Sie werden Färinger genannt, sprechen die färöische Sprache und betrachten sich als eigenständiges Volk, nicht als Dänen.


„Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten"
Einer ihrer Patienten ist der zwölfjährige Fríði. Der Junge leidet seit seiner Geburt an einem seltenen unheilbaren Gendefekt, der außerhalb der Inseln unbekannt ist. Er wird deshalb auch „färöische Krankheit" genannt. Obwohl Fríði, der nicht sprechen und nur über ein Implantat hören kann, schon zum dritten Mal innerhalb weniger Monate auf der Kinderstation behandelt werden muss, hat er seinen Lebensmut nicht verloren: „Fríði ist ein fröhliches Kind", sagt Inga Old. „Er mag es, wenn Leute rumalbern, Witze machen und Zeit mit ihm verbringen – dann lacht er."

Bevor Fríði endlich schlafen kann, um sich von den Anstrengungen des Tages zu erholen, erhält er von Inga Old noch eine Infusion, die sie über einen zentralen Venenkatheter verabreicht. Kollegin Sigrun Hammer unterstützt sie und wendet sich einfühlsam dem ängstlich wirkenden Jungen zu. Fríði kennt die Nachtschwestern bereits von seinen letzten beiden Aufenthalten und ist erleichtert, die bekannten Gesichter zu sehen.

„Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten", sagt Inga Old. Obwohl sie schon seit sieben Jahren auf der Station arbeitet, ist der Job für sie eine stete Herausforderung: „Die kleinen Patienten und ihre Eltern in einer schweren Zeit zu begleiten, eine Beziehung aufzubauen, Leid erträglich zu machen – das ist immer wieder spannend und kann niemals Routine werden." An ihre Grenzen stößt Inga Old, wenn sie akzeptieren muss, dass sie für ein Kind nichts mehr tun kann: „Die Färöer sind ein kleines Land, jeder kennt jeden – da entstehen zwischen Pflegenden und Patienten schnell persönliche Bindungen. Wenn ein Kind stirbt, ist es daher immer auch ein persönlicher Verlust."

Arbeitgeber honorieren hohe Qualifikation
Für die Pflege entschied sich Inga Old, als sie 18 Jahre alt war. Ausschlaggebend war, etwas machen zu wollen, das sie für unterschiedliche Arbeitsbereiche qualifiziert und vor allem die Chance bietet, im Ausland arbeiten zu können.
Die Ausbildung absolvierte die junge Frau am Department for Nursing an der Färöer Universität in ihrer Heimatstadt Tórshavn. Das Pflegestudium dauert vier Jahre und schließt mit dem akademischen Grad des Bachelors ab. Pro Jahr vergibt die Universität 20 bis 22 Studienplätze. Andere Hochschulen oder Pflegeschulen existieren auf den Inseln nicht. Da die zur Verfügung stehenden Studienplätze in der Pflege bei weitem nicht ausreichen, beginnen viele junge Färinger ihr Studium in Dänemark oder anderen Ländern.

Die meisten hängen ein sogenanntes Post-graduate-Studium an, um sich weiter zu qualifizieren. Die Universität auf den Färöern bietet weiterführende Lehrgänge für Bachelor-Absolventen an – das Angebot ist aufgrund der Größe des Landes aber begrenzt. Für junge Färinger kein Problem: Auf den Inseln ist es üblich, dass junge Menschen ins Ausland gehen, um dort zu studieren oder zu arbeiten. Inga Old etwa verbrachte für ihr Zusatzstudium Pädiatrische Pflege elf Monate in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

Die hochwertige Ausbildung färöischer Pflegekräfte wird von den Arbeitgebern im Gesundheitswesen geschätzt und entsprechend honoriert: So ist das Durchschnittseinkommen von Pflegenden auf den Inseln mit rund 3300 Euro brutto plus Zulagen weitaus höher als in Deutschland. Zudem klappt die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen auf den Färöern bestens. Grabenkämpfe zwischen Ärzten und Pflegenden, wie wir sie hierzulande kennen, gibt es auf den Inseln nicht: „Wir wissen, dass wir einander vertrauen können und uns gegenseitig ergänzen – Hierarchien spüre ich persönlich überhaupt nicht."

Klinik unterstützt Auslandseinsätze
Färinger sind, wie Inga Old versichert, sehr heimatverbunden. Deswegen kehren die meisten nach einer gewissen Zeit im Ausland wieder auf die Inseln zurück – um sie meistens zu einem späteren Zeitpunkt wieder zeitweise zu verlassen: Inga Old zum Beispiel hat gerade einen dreimonatigen Auslandseinsatz im grönländischen Qaqortoq hinter sich. „Das war eine spannende Erfahrung und tolle Herausforderung für mich", schwärmt die junge Frau. „In grönländischen Kliniken wird ganz anders gearbeitet als bei uns – aufgrund des dortigen Ärztemangels arbeiten Pflegende in vielen Abteilungen ähnlich wie Mediziner." Ihr Arbeitgeber unterstützte Inga Olds Engagement und stellte sie für die Zeit im Ausland von ihrer Arbeit frei. Inga Old plant schon ihren nächsten Auslandseinsatz: „Ich möchte in diesem Jahr gerne mal ein paar Wochen in Norwegen arbeiten. Ich bin ein neugieriger Mensch und brauche die Abwechslung."

Draußen wird es mittlerweile wieder hell – Inga Old hat ihre erste Nachtschicht geschafft. Bis zu ihrer Wohnung im Stadtzentrum sind es nur ein paar Gehminuten. Auf den Straßen wimmelt es wieder vor Menschen. In Tórshavn ist das Leben zurückgekehrt.

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