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  • 28.10.2016
  • Praxis

Pflege International

Eine große Verantwortung

Für die polnische Krankenschwester Anna Smoszna erfüllte sich im vergangenen Jahr ein lang gehegter Traum. Der Krankenpflegeverband PTP kürte sie aufgrund hervorragender Leistungen zur „Krankenschwester des Jahres 2011". Die Auszeichnung eröffnete der Warschauerin nach mehr als 30 Jahren in der Pflege neue berufliche Perspektiven – auch wenn sie die Rahmenbedingungen sonst mit Sorge betrachtet.

„Krankenschwester des Jahres 2011" – das gerahmte Zertifikat des polnischen Krankenpflegeverbandes Polskie Towarzystwo Pielegniarskie (PTP) hat in der kleinen Warschauer Wohnung von Anna Smoszna ein Ehrenplatz und hängt direkt neben ihren privaten Familienfotos. Verliehen wurde ihr die begehrte Auszeichnung auf dem nationalen Krankenpflegekongress 2012 in Elbląg in den Masuren, wie die 47-Jährige mit funkelnden Augen berichtet.
 

Teilnahme erfordert hohen Zeitaufwand

Der jährliche Wettbewerb besteht aus drei Teilen: Im ersten Schritt müssen sich die Kandidaten schriftlich für den Preis bewerben und ihre Motivation darstellen. In der zweiten Stufe finden in den einzelnen Landesteilen Polens schriftliche Prüfungen statt, in denen die Bewerber mit ihrem Fachwissen punkten müssen. In dieser Runde scheiden mehr als 90 Prozent der Teilnehmer aus. Nur diejenigen mit der höchsten Punktzahl werden zum dritten Teil des Wettbewerbs zugelassen – ein Vortrag vor landesweitem Publikum zu einem bestimmten pflegerischen Thema, das von der Kommission vorgegeben ist. Im Falle Smosznas war dies die Bedeutung des Roten Kreuzes für die Entwicklung der Krankenpflege in Polen.
„Die Vorbereitungen – sowohl für die schriftliche Prüfung als auch für die Präsentation – erforderte unheimlich viel Zeit", erinnert sich die Hauptstädterin und fügt augenzwinkernd hinzu: „Für Wochen und Monate waren die medizinischen Bibliotheken und Archive mein zweites Zuhause." Das Ergebnis wurde am ersten Kongresstag verkündet, unter Anwesenheit aller Bewerber. Als Anna Smosznas Name fiel, konnte sie es anfangs kaum glauben. „Es war eine große Freude für mich", erinnert sich die Preisträgerin. „Alle gratulierten mir und freuten sich für mich mit – das war nach all den Mühen, die ich investiert hatte, ein tolles Gefühl."
 




Vorbild für alle Pflegenden des Landes

Der Titel ermöglichte es Anna Smoszna, die Karriereleiter innerhalb ihrer Abteilung – der Klinik für Nuklearmedizin im Militärkrankenhaus Warschau – hochzuklettern. „Vorher arbeitete ich als normale Krankenschwester, seit dem Wettbewerb bin ich nun als Koordinatorin tätig, habe Personalverantwortung und kümmere mich um organisatorische Dinge wie das Bestellwesen", sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter.
Großen Respekt hat Smoszna vor der großen Verantwortung, die die Auszeichnung mit sich bringt: „Als Krankenschwester des Jahres ist man schließlich Vorbild für alle Pflegekräfte des Landes, und dieser Verpflichtung muss man gerecht werden."

Smoszna hat die Pflege von der Pike auf gelernt und verfügt mittlerweile über mehr als 30 Berufsjahre. Die fünfjährige Ausbildung hat sie am Medizinischen Lyzeum ihrer Heimatstadt Bielsk Podlaski im Nordosten Polens absolviert. „Als ich anfing, war ich gerade einmal 15 Jahre alt", sagt die heute 47-Jährige. „Insofern ist es schwierig, von einer bewussten Entscheidung zu reden." Ihr Wunsch sei gewesen, etwas Sinnvolles zu tun und Menschen in Not zu helfen. „Auch wenn ich wenig über das Leben wusste – mir war immer klar, dass die humanitäre Hilfe eine sinnvolle Sache ist."

Nach der Ausbildung war Smoszna für einige Jahre auf einer Station für Wirbelsäulen- und Rückenmarksverletzungen tätig. Das war in der Kleinstadt Konstancin, nahe der polnischen Hauptstadt. Doch die junge Frau war ehrgeizig, bildete sich im Rahmen eines Bachelor-Pflegestudiums gezielt weiter und zog nach Warschau. Hintergrund: „Polens Pflegekräfte verdienen allgemein nicht gut – aber in Warschau ist es etwas mehr als auf dem Land. Zudem bestehen für das Privatleben in unserer Hauptstadt natürlich vielfältige Möglichkeiten, das hat mich sehr gereizt", so Smoszna.
 




Situation für Pflegende verbesserungswürdig

Mit der Arbeitssituation von polnischen Pflegekräften ist Smoszna alles andere als zufrieden. Vor allem sei der Verdienst zu gering. „Ich selbst bin mit meinen rund 3000 Złoty netto, also 700 Euro, ganz zufrieden, aber die meisten meiner Berufskollegen verdienen viel weniger." Da sei es doch kein Wunder, dass es immer schwieriger werde, Pflegenachwuchs zu bekommen, so die Überzeugung Smosznas. „Ich würde meiner Tochter angesichts der miesen Arbeitsbedingungen auch nicht unbedingt raten, in meine beruflichen Fußstapfen zu treten."

Positiv stimmt die erfahrene Krankenschwester jedoch die Verbesserungen in der polnischen Gesundheitsversorgung. Die Patientenversorgung sei heute wesentlich fortschrittlicher als zu Zeiten des Sozialismus. „Früher war ja alles Mangelware – Desinfektionsmittel, medizinische Geräte, Einwegmaterial", sagt Smoszna nachdenklich. „Da hat sich vieles geändert – zudem verfügen die Patienten heute über vielfältige Rechte und dürfen sich bei therapeutischen Entscheidungen einbringen." Positiv sei auch, dass sich das Verhältnis zwischen Arzt und Pflegekraft seit der Wende grundlegend gewandelt habe: „Heute begegnen sich, anders als früher, alle medizinischen Berufe auf Augenhöhe und arbeiten respektvoll miteinander. Davon profitiert letztlich der Patient, denn wenn die Zusammenarbeit gut ist, ist auch die Versorgungsqualität gut."



Die negativen Folgen der Ökonomisierung des Gesundheitswesens spüren Fachkräfte wie Patienten, ist Smoszna sicher. Die Liegezeiten verkürzten sich immer mehr, Patienten müssten trotz bestehender Therapiebedürftigkeit entlassen werden. „Unter diesen Bedingungen ist keine ganzheitliche Versorgung möglich", so die Überzeugung Smosznas. Aber: „Insgesamt denke ich, dass die Veränderungen der vergangenen Jahre zu einer deutlichen Verbesserung geführt haben – für Patienten und Pflegende."

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