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  • 28.10.2016
  • Management

Fachkräftemangel

„Ich möchte in Deutschland bleiben"

Pflegefachkräfte werden deutschlandweit verzweifelt gesucht – besonders im Intensivbereich. Das Universitätsklinikum Bonn hat deshalb über den Tellerrand geschaut und mehrere gut ausgebildete Berufsanfänger aus Griechenland eingestellt. Damit die Neulinge in Deutschland gut Fuß fassen können, werden sie neben regulären Sprachkursen in deutschen Fachtermini geschult und auf den Stationen individuell begleitet.

Etwas Nervösität ist schon im Spiel, als Vasileios Themistokleous an der Bürotür des Pflegebereichsleiters für die Intensivstationen klopft. Der 29-Jährige ist angespannt, als Ernst Fenselau ihn freundlich zu Tisch bittet: „Was kann ich denn für Sie tun, Herr Themistokleous?" – „Ich möchte wissen, wie meine Chancen stehen, hierbleiben zu können", sagt der junge Grieche zögernd.

Keine Probleme im neuen Land
Vasileios Themistokleous arbeitet seit August vergangenen Jahres auf der herzchirurgischen Intensivstation des Universitätsklinikums Bonn, einer Abteilung mit 36 Betten zur Betreuung prä- und postoperativer Patienten. In der ehemaligen deutschen Hauptstadt am Rhein gefällt es dem jungen Mann aus Thessaloniki sehr gut, versichert er: „Ich bin sehr glücklich in Deutschland, auch mit dem Wetter und den Menschen habe ich überhaupt keine Probleme." Klar habe er anfangs die ganzen Stereotypen im Kopf gehabt – zum Beispiel, dass Deutsche kalt seien. „Aber das stimmt überhaupt nicht", sagt Themistokleous, „Deutsche sind genauso herzlich und freundlich wie Griechen."

Den Neuanfang möglich gemacht hat eine Kooperation der Pflegedirektion mit dem Personaldienstleister Randstad, die im vergangenen Jahr über Online-Stellenanzeigen und persönliche Gespräche vor Ort nach motivierten Pflegefachkräften in Griechenland Ausschau gehalten haben. Lange suchen mussten sie nicht – angesichts der derzeit rund 7500 Pflegefachkräfte ohne Job waren Interessenten schnell gefunden.

Die deutschen Akteure hatten es sich im Vorfeld nicht leicht gemacht. „Es stellte sich uns die Frage, ob es in der jetzigen Situation Griechenlands gut ist, von dort Fachkräfte aufzunehmen", sagt Alexander Pröbstl, Pflegedirektor des Bonner Universitätsklinikums. „Die richtige Balance war uns sehr wichtig." Deswegen suchten er und Frank Eggert, Manager Medical bei Randstad, das Gespräch mit der Hellenic Nurses Association. „Die Situation ist so dramatisch für Berufseinsteiger in der Pflege, dass der Berufsverband deren Aussicht auf einen Arbeitsplatz in Deutschland begrüßt", sagt Eggert. „Trotzdem hegen sie natürlich die Hoffnung, in ein paar Jahren exzellente Fachkräfte zurückzubekommen, die sich in Deutschland weitergebildet haben."


Auch glücklich in Bonn: Eleni Despina Asser auf der Intensivstation der Medizinischen Klinik
(Foto: Rolf Müller/Medienzentrum UKB)



Neulinge wurden gut aufgenommen
Im Frühsommer vergangenen Jahres traten die ersten drei Hellenen in Bonn ihren Dienst an. Eine von ihnen war Eleni Despina Asser, die trotz eines Bachelors in der Tasche keinerlei Aussichten auf einen Job in der Heimat hatte. So ergriff auch sie die Chance, die ihr der Pflegedirektor aus Bonn in einem persönlichen Gespräch in Athen bot. Die Entscheidung war der 27-Jährigen anfangs nicht leicht gefallen: „Es war schon ein schwerwiegender Schritt, der mein Leben verändert hat", sagt die junge Frau aus der mittelgriechischen Provinzhauptstadt Lamia.

Der Sprung in die neue Welt startete zunächst mit zwei Unterrichtswochen an der Pflegeschule des Universitätsklinikums. „Das war uns zur Vorbereitung sehr wichtig", sagt Pflegedirektor Pröbstl. „Denn auch wenn es zwischen den griechischen und deutschen Ausbildungen kaum praktische Unterschiede gibt, fehlen doch Kenntnisse der hiesigen Fachausdrücke."

Dann nahm ein 80-köpfiges Intensiv-Pflegeteam der Medizinischen Klinik das Trio auf, und die Neulinge bekamen je einen erfahrenen Praxisanleiter als Mentor zur Seite gestellt. „Unter kompetenter Fachanleitung konnten die Griechen auf einer hervorragend ausgestatteten Station die Besonderheiten der intensivpflegerischen Versorgung kennenlernen", so Pröbstl. Insgesamt sechs Monate wurden sie nach den hiesigen Standards zu Intensivpflegekräften fortgebildet und drückten mindestens einmal pro Woche die Schulbank. Zusätzlich besuchten sie über Randstad organisierte Deutschkurse.

Schon vor dem Start der griechischen Kollegen hatte der Pflegedienst des Universitätsklinikums Erfahrungen mit ausländischen Mitarbeitern gemacht. Diese zeigten, dass sich ausländische Kollegen – besonders die aus völlig anderen Kulturkreisen – auf großen Normalstationen mit häufig wechselnden Patienten eher isolieren. „Ein überschaubarer Arbeitsbereich und ein persönlicher Coach auf der Station sind ein guter integrativer Mix", sagt Ernst Fenselau. Auch Personaldienstleister Eggert weiß, dass eine ausgeprägte Willkommenskultur neben einer ordentlichen Einarbeitung ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist: „Bei einer solch weittragenden Entscheidung ist es wichtig, erleichternde Brücken zu bauen – zum Beispiel eine bereits im Vorfeld geklärte Wohnungsfrage."


Bereichsleiter Fenselau, Pflegedirektor Pröbstl: „So viele sprachliche Fortschritte in dieser kurzen Zeit ist enorm."
(Foto: Rolf Müller/Medienzentrum UKB)



Ziel: In Deutschland Fuß fassen
Vasileios Themistokleous ist der Wechsel nach Deutschland überhaupt nicht schwergefallen. Zwar vermisst er seine Eltern und Freunde, aber die haben ihn von Anfang an bestärkt, den Schritt ins Ungewisse zu wagen: „Meine Eltern haben in den 70er Jahren, bevor ich geboren wurde, auch in Deutschland gelebt – in Stuttgart", sagt Themistokleous. „Und auch meine Schwester lebt hier – deswegen fühle ich mich hier überhaupt nicht fremd." Zudem hat er auch schon erste Freundschaften geschlossen – zumeist mit anderen Griechen – und mag die Mentalität der Rheinländer: „Am Wochenende bin ich gern in Köln und Düsseldorf unterwegs – da gibt es schöne Möglichkeiten zum Ausgehen."

Auch im beruflichen Bereich musste sich Vasileios Themistokleous, der vor seinem Wechsel auf einer herzchirurgischen Intensivstation einer Privatklinik in Thessaloniki gearbeitet hat, kaum umstellen: „Die Arbeit ist eigentlich recht ähnlich", sagt er, „mit kleineren Unterschieden." In Deutschland habe man beispielsweise mehr Zeit für die Patienten – und die Aufgabenbereiche von Ärzten und Pflegenden seien, anders als in der Heimat, stärker voneinander getrennt: „In Thessaloniki haben wir Pflegende auch sehr viele ärztliche Aufgaben übernommen – in Deutschland kann man sich viel mehr auf die pflegerische Versorgung konzentrieren." Dankbar ist Themistokleous seinen deutschen Kollegen: „Ich bin auf meiner Station sehr herzlich aufgenommen worden", sagt der junge Grieche. „Alle sind sehr freundlich und haben Geduld."
Vasileios Themistokleous brennt für die Intensivpflege. Schon als Junge wusste er, dass er Pfleger werden wollte – am liebsten im Bereich der Notfallversorgung. „Ich wollte immer schon Menschen helfen und habe mich sehr für Medizin interessiert." In Deutschland wird er mehr Möglichkeiten haben, sich weiterzuentwickeln – sowohl auf der persönlichen als auch auf der beruflichen Ebene –, da ist sich der Hellene sicher. Dass er in Bonn bleiben möchte, ist für den Bachelor-Absolventen, der bald sein in Griechenland begonnenes Master-Studium in „Intensive Care and Emergency Nursing" abschließen wird, daher keine Frage: „Ich fühle mich wohl hier und will auf jeden Fall bleiben – das ist mein großes Ziel." Das Geld ist hierbei eher zweitrangig, sagt er, aber doch mit ein Faktor gewesen, sich für das Verlassen der Heimat zu entscheiden: „Derzeit verdienen Pflegekräfte in Griechenland, wenn sie überhaupt einen Job haben, nur etwa 700 bis 800 Euro netto", so Themistokleous. „Vor der Krise habe ich 1.200 Euro verdient."

Zu Pflegebereichsleiter Ernst Fenselau pflegt Themistokleous ein Vertrauensverhältnis. Kein Wunder: Die beiden haben sich schon in Griechenland kennengelernt, Fenselau hat seinen Schützling von Beginn an eng begleitet. „Machen Sie sich keine Sorgen – auch wir möchten, dass Sie bleiben", sagt Fenselau und klopft Themistokleous auf die Schulter. Der junge Grieche lächelt schüchtern, er weiß, dass seine Zukunft in Deutschland in erster Linie von seiner Sprachkompetenz anhängen wird. „In etwa zwei Monaten wird geprüft, ob mein Deutsch gut genug ist", sagt Vasileios Themistokleous, „deswegen setze ich alles daran, bis dahin so viel wie möglich zu lernen." Neben den von Randstad organisierten Sprachkursen erhält der Grieche zweimal die Woche Privatunterricht. „Das zahle ich aus eigener Tasche", sagt Themistokleous ernst. „Aber das ist es mir wert: Ich möchte unbedingt in Deutschland bleiben."

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