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  • 15.09.2014
  • Management

Teil 3

„Es geht an den Nerv der Krankenhäuser"

Im dritten und letzten Teil des großen Sommerinterviews fordert Andreas Westerfellhaus, Vorsitzender des Deutschen Pflegerates, eine große Krankenhausreform.

Wie beurteilen Sie die Chancen, dass diese Koalition eine große Krankenhausreform zum Abschluss bringt?
Ich werde nicht ruhen, bevor wir eine große Reform haben. Es ist nicht zu akzeptieren, dass die Regierung laut über Pflege spricht und dabei den großen Sektor der Krankenpflege schlicht nicht beachtet. Das ist komplett paradox, in den Kliniken versteht das niemand. Dort hat es in den vergangenen Jahren eine gewaltige Arbeitsverdichtung gegeben. Die Sparrunden seit der Einführung des DRG-Systems gingen immer zu Lasten der Pflegekräfte. Ohne professionelle Pflege kann ein Krankenhaus nicht funktionieren. Wenn sich die Arbeitsbedingungen dort nicht ganz schnell ändern, dann werden wir dort einen GAU erleben. Was nutzt die beste High-Tech-Medizin, wenn ein Unfallopfer nach einer Operation nicht mehr gut versorgt werden kann, weil keine professionellen Pflegekräfte auf der Intensivstation mehr vorhanden sind? Was ist wenn OP-Pflegekräfte fehlen? Dann geht es an den Nerv der Krankenhäuser, weil dann nicht mehr operiert werden kann. Wenn die Fälle sinken, tut es weh. Was machen die Kliniken also, wenn es hier zu Personalengpässen kommt? Sie werben Fachkräfte untereinander oder aus anderen Bereichen ab und bieten ihnen eine übertarifliche Bezahlung. Dann ist also plötzlich ausreichend Geld vorhanden.

Ein Vorschlag für eine bessere und wirtschaftlichere Versorgung lautet, Klinikstandorte zu schließen und mit weniger, zum Teil größeren Krankenhäusern die Versorgung sicherzustellen. Was halten Sie davon?
Sie zielen auf die diskutierte Abwrackprämie für Kliniken ab. Diese Idee beinhaltet ja auch den Vorschlag, Krankenhäuser in Rehazentren oder Pflegeheime umzuwandeln. Von dieser Debatte halte ich sehr wenig, denn aus einem Krankenhaus lässt sich nicht einfach ein Pflegeheim machen. Hier sind in der Regel hohe Investitionen nötig und eine völlig andere Personalstruktur. Am Ende wird dann womöglich an dem Standort auch keine dieser Einrichtungen benötigt.

Benötigen wir in Deutschland 2.000 Krankenhäuser?
Diese Frage muss man regional beantworten. Es gibt in Deutschland Gebiete, da ist die Klinikdichte sehr groß und die Häuser liefern sich einen harten Wettbewerb um Patienten und damit letztlich auch um Ärzte und professionelle Pflegekräfte. Auch die Diskussion, ob es Menschen in ländlichen Regionen zuzumuten ist, ein paar Kilometer ins Krankenhaus des Nachbarlandkreises zu fahren, wirkt bisweilen sehr seltsam, aber andererseits auch wieder verständlich. Krankenhausplanung ist bekanntlich Ländersache, und eine Regierung, die Kliniken schließt, macht sich beim Wahlvolk in der Regel unbeliebt.

Längere Wege für Patienten bedeuten auch längere Wege für Schwestern und Pfleger. Hätten Sie den Mut, auf einer Betriebsversammlung den Pflegefachkräften zu erklären, dass sie künftig zehn Kilometer weiter in den benachbarten Landkreis pendeln müssen?
Ja, ich hätte diesen Mut. Viel schlimmer ist es doch für die Mitarbeite von einem Industriebetrieb, wenn Arbeitsplätze nach Asien oder Amerika verlagert werden. Da halte ich es für zumutbar, wenn die Angehörigen meiner Profession ein paar wenige Kilometer weiter pendeln müssen. Das ist übrigens der Vorteil eines Berufs in der Pflege: Er ist sicher. Der Arbeitsplatz kann nicht einfach ins Ausland verlagert werden. Meine Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken wünschen sich doch vor allem eins: Ausreichend Personal auf Station. Wenn ein 100-Betten-Haus geschlossen wird und dafür im sechs Kilometer weiter entfernten Großkrankenhaus der Personalschlüssel verbessert wird, dann ist dem obersten Wunsch der Pflegenden entsprochen: Wir wollen mehr Zeit haben, uns um die Patienten zu kümmern.

Sie sehen also kein Problem darin, wenn eine Pfleger oder eine Schwester plötzlich lange Pendelwege zurücklegen muss?
Sicher, wenn eine Krankenschwester mit einem niedrigen Gehalt in einer strukturschwachen Region plötzlich eine weitere Strecke pendeln muss, womöglich mit dem Auto weil es keine passende Bus- oder Bahnverbindung gibt, dann ist das im Einzelfall ein Problem, auch finanziell, für das Lösungen nötig sind. Dann sprechen wir zum Beispiel über das Thema angemessene Bezahlung. Eine professionelle Pflegekraft kann aber zum Beispiel auch zu einem ambulanten Pflegedienst wechseln. Mein Wunsch wäre, dass wir uns in unserer Profession künftig auch selbständig machen können und unsere Dienstleistung dann am Markt anbieten können.

Haben Sie Hoffnung, dass die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform der Krankenhäuser erfolgreich sein wird und am Ende auch bessere Bedingungen in der Pflege herauskommen?
Wir werden unsere Erwartungen jedenfalls ganz klar und unmissverständlich formulieren: Keine Reformen, ohne die Belange der Pflege ausreichend zu berücksichtigen. Wir fordern eine gemeinsame Versorgung der Patienten durch Ärzte und Pflegende. Wir sind diejenigen, die Leistungen in den Krankenhäusern garantieren. Was nicht geht: Krankenhäuser einfach zu schließen, und zugleich an der Ausstattung der verbleibenden Kliniken nichts zu ändern!

Werden Mindestpersonalstandards Ihre Kernforderung sein?
Ja klar! Sie werden es nicht nur sein, wir fordern sie schon seit Langem. Ich weiß, dass Mindestpersonalstandards nicht systemkonform sind. Deshalb müssen wir auch über das Fallpauschalsystem diskutieren. Die Vergütung nach DRG muss einen fixen Anteil festschreiben, der in die Investition in Personal fließen muss. Was nutzt die schönste Rezeption in einem Krankenhaus, wenn die Qualifikation der Leistungserbringer – Ärzte und Pflegende – nicht vorhanden ist? Dann leidet die Hygiene, die Zuwendung und die Qualität der Versorgung.

Hilft ein rein quantitativer Ansatz hier wirklich weiter?
Selbstverständlich nicht! Der Deutsche Pflegerat fordert klare Vorgaben, welche Qualifikationen aus welcher Disziplin in welcher Anzahl ein Krankenhaus vorhalten muss, wenn es bestimmte Leistungen erbringen will. Das Gießkannenprinzip bringt uns in der Tat nicht weiter.  

Wer soll das festlegen? Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)?
Der G-BA ist diesen Weg bereits in vielen Fragen gegangen. Denken Sie an die Mindestpersonalanforderungen in der Neonatologie. Ich halte aber nichts davon, die Anforderungen für sämtliche Krankheitsbilder einzeln durchzudeklinieren. Das würde zu einem Wust an Regelungen führen. Deshalb bin ich der Meinung, dass dies eine zentrale Aufgabe der Politik ist. Wir fordern die Bundesregierung auf, klare Regeln für Mindestpersonalstandards festzulegen, unter Beteiligung der Berufsgruppen. Wir wissen am besten, was uns tagtäglich an Leistungen abverlangt wird. Das gilt übrigens auch für den G-BA. Es ist ein Unding, dass dort über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden wird. Wir verlangen, dass bei Beschlüssen zur Pflege künftig die Pflegenden miteinbezogen werden.

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