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  • 30.07.2015
  • Management

Interview mit dem Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann

„Wir müssen elektronisch aufrüsten"

Pflegeeinrichtungen befinden sich im digitalen Bereich noch in der Steinzeit. Das müsse sich ändern, fordert der Pflegebeauftragte der Bundesregierung Karl-Josef Laumann im Interview. Außerdem spricht er über die Generalisierung der Pflegeausbildung, die Zukunft der Altenpflege und die Bedeutung der Entbürokratisierung.

Warum wollen Sie den Pflegeberuf der Krankenhaus-Pflege und der Altenpflege zusammenführen?

Wir wollen in dieser Wahlperiode zu einer Generalisierung der Pflegeausbildung kommen. So steht es auch im Koalitionsvertrag. Und auch alle Minister auf Landesebene haben zugestimmt. Ich hoffe, dass sich dadurch unter anderem die Pflege in Deutschland mehr emanzipiert. Der Beruf kann nur attraktiv werden, wenn er zu einem eigenständigen Teil des deutschen Gesundheitswesens wird. Das Zusammenführen der Alten- und Krankenhauspflege ist hierzu ein wichtiger Schritt. Bund und Länder haben sich in fast allen Punkten geeinigt. Geklärt werden müssen nur noch Details, etwa wie wir künftig die Pflegeschulen finanzieren.

Haben wir genug Nachwuchs für die Pflege?

Die größte Herausforderung ist es, die Menschen zu finden, die in den Pflegeberuf wollen. Am Beispiel der Altenpflege wird es deutlich: Dort haben wir rund 700.000 Pflegekräfte und jedes Jahr wächst der Bedarf um etwa zwei bis drei Prozent. Das sind über 20.000 zusätzliche Stellen. Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist aber derzeit ziemlich leergefegt - es ist teilweise sehr schwer, geeignetes Personal zu finden. Umso wichtiger ist daher für jeden von uns das private Umfeld. Das, was Familien aus Liebe zu ihren Angehörigen leisten, können wir nicht komplett durch professionelle Kräfte ersetzen.

Und wie steht es um die Pflege in Krankenhäusern?

Die gesetzlichen Krankenkassen haben den Auftrag, Medizin, Pflege und ärztliche Leistung zu bezahlen. Die Landesregierungen sind demgegenüber für die Investitionen in den Krankenhäusern verantwortlich. Doch dieser Verantwortung kommen sie nur unzureichend nach: Die entsprechenden Fördermittel sind von rund 3,9 Milliarden Euro im Jahr 1993 auf rund 2,7 Milliarden Euro in 2013 zurückgegangen. Das hat dazu geführt, dass viele Krankenhäuser nun das Geld der Krankenkassen nehmen und es in die Gebäudeunterhaltung anstatt in die Pflege stecken. Deswegen kommt es zu Personalengpässen in den Krankenhäusern. Und deshalb sind auch die Pflegekräfte der Charité auf die Straße gegangen - die wollten nicht mehr Geld, sondern mehr Personal zu den derzeit etwa 420.000 Pflegekräften im Krankenhaus.

Wie können Sie ganz generell die Zukunft in der Pflege meistern?

Die große Herausforderung kommt erst noch auf uns zu, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, die Baby-Boomer, in 20 Jahren pflegebedürftig werden und gleichzeitig die geburtenschwachen Jahrgänge die Schulen verlassen. Für die Grund- und Behandlungspflege werden wir dann das Personal voraussichtlich haben. Aber das, was Menschen an Gesprächen, Liebe und Zuneigung brauchen. Das werden wir niemals alleine über den Staat organisieren können. Dafür wird es schlichtweg nicht genügend Personal geben. Weil wir es erstens nicht bezahlen können und zweitens, weil wir die Ressourcen an Nachwuchskräften gar nicht haben.

Worauf kommt es in der Altenpflege an?

Heute leben bereits viele alte Menschen in Wohngruppen. Beispielsweise acht bis zehn Personen in einer Gruppe, die vieles gemeinsam tun und erleben, unter anderem zusammen kochen. Da riecht es oftmals nach Apfelkuchen anstatt nach Reinigungsmittel. Überhaupt: Essen ist ein wichtiger „Tagesanker" für viele ältere Menschen. Sie freuen sich aufs Essen und wenn sie auch noch sehen, wie es gemacht wird, oder sogar selbst noch mithelfen können, ist das so was wie eine Tagesstruktur und es erzeugt auch das Gefühl einer gefestigten Gemeinschaft. Ein gutes Haus ist da, wo die Stimmung gut ist, wo das Personal nicht permanent wechselt, wo man sich wohl fühlt. Da wird auch gut gepflegt. Ein anderes Modell ist die Tagespflege: Wir müssen die richtigen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass pflegebedürftige Menschen eine geordnete Tagesstruktur haben: Gemeinschaft erleben, Gymnastik machen, gemeinsam Mittagessen und dann nach der Kaffeezeit wieder nach Hause fahren. Das kostet natürlich auch Geld, aber deutlich weniger als in der stationären Pflege.

Sie entbürokratisieren die Pflege, wie sieht das konkret aus?
Die Grundidee ist bestechend einfach. Nur wenn etwas vom normalen Pflegealltag abweicht, muss das noch aufgeschrieben werden. Das heißt: Pflegekräfte schreiben nicht mehr auf, dass ein Pflegebedürftiger kein Fieber hat, sondern „nur" noch wenn er Fieber oder andere Auffälligkeiten hat. Die neue Dokumentation vertraut den Pflegekräften, dass sie die Abweichungen registrieren und dokumentieren. So wissen die Pflegekräfte, nach dem Schichtwechsel, worauf sie besonders achten - und sich kümmern müssen.

Wie überzeugen Sie die Pfleger von Ihrer Idee?

Wir haben 650 Multiplikatoren geschult, die nun in den Einrichtungen die Idee und das neue Modell der Entbürokratisierung dem dortigen Personal  beibringen. Das soll dann wie ein Schneeballsystem immer weiter getragen werden. Wir gehen davon aus, dass wir damit bis zum Jahresende gut ein Viertel der Einrichtungen überzeugen. Klappt das, wäre das ein Meilenstein.

Wie viel Zeit spart man damit?

Das ist natürlich von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich – je nachdem wie dort bisher dokumentiert worden ist. Aber grundsätzlich kann man sagen: Ein Viertel bis ein Drittel der Arbeitszeit wird eingespart, wenn man auf die neue Pflegedokumentation umstellt.

Was passiert mit der eingesparten Zeit?

Ich habe die Zusage von den Verbänden der Kostenträger und auch der Einrichtungen, dass sie diese Zeit den Pflegekräften einfach lassen. Die Entbürokratisierung soll zur Entschleunigung der Pflege beitragen, damit die Pflegekräfte auch mal die Muße haben, sich ein bisschen – wie ich immer sage – „auf die Bettkante zu setzen". Das ist für beide, Pflegekräfte wie Pflegebedürftige, gut. Man will ja mehr als nur „satt und sauber" sein. Man will ja auch mit jemandem reden, wie man sich fühlt. Freud und Leid teilen, das gehört doch auch zum Pflegeberuf dazu.

Was meinen Sie mit „Augenmaß" in der Pflege?

Nehmen Sie beispielsweise die Diskussion um den Body-Maß-Index in der Altenpflege. Es wurde vor einigen Jahren mal in dem Zusammenhang veröffentlicht, dass alte Menschen in Seniorenheimen zu wenig zu Essen und zu Trinken bekämen. Eine Sache wurde dabei jedoch nicht beachtet: Wir müssen auch akzeptieren, dass einige Menschen in einer bestimmten Lebenssituation auch „lebenssatt" werden können. Und dann essen sie immer weniger. Oder hören sogar ganz auf zu essen. Hier muss man mit dem ganzen Team und den Angehörigen mit Augenmaß umgehen. Man muss sich drum kümmern, dass die Menschen immer genug Flüssigkeit bekommen, aber man kann und sollte die Menschen nicht zu allem zwingen.

Was soll das neue „eHealth-Gesetz" bewirken?

Ich glaube, dass unser Gesundheitssystem, auch unsere Pflegeeinrichtungen, elektronisch aufrüsten muss. Bislang befinden wir uns in diesem Bereich noch in der digitalen Steinzeit befinden. Warum haben wir eigentlich noch Rezepte auf Papier? Warum haben wir auf der Gesundheitskarte noch keinen  digitalen Medikamentenpass hinterlegt? Das alleine wäre schon eine große Hilfe, etwa wenn ein Patient bei einem Notfall ins Krankenhaus kommt und man sofort auf der Karte sehen kann, welche Medikamente er nimmt. Nicht nur bei alten Leuten hilft das sehr, denn viele wissen oftmals gar nicht so genau, was sie für Medikamente nehmen. Ich bin mir sicher: Wenn Apotheker sofort sehen könnten, was die Patienten so alles gleichzeitig einnehmen, dann würde sie sicherlich in einigen Fällen schnell etwas daran ändern. Es gibt sicherlich genügend Fälle, in denen vor Jahren etwa der Hautarzt etwas verschrieben hat, es kommen immer wieder neue Medikamente dazu und keiner weiß, ob das alles zusammen passt. In dieser Hinsicht sind wir in der Medikamentensicherheit in Deutschland noch weit hinterher. Dabei gibt es ja schon längst die Möglichkeit, auf unserer Gesundheitskarte  Medikamenten-, Patienten- und Pflegedaten abzuspeichern. Wir müssen davon allerdings auch Gebrauch machen – natürlich alles unter der Vorgabe, dass der Datenschutz höchste Priorität hat. Darüber hinaus wäre es gut, wenn sich Pflegeheime, Krankenhäuser und Hausarztpraxen vernetzen, damit schnell und ohne Wartezeiten die elektronischen Gesundheitsdaten der Patienten abgeglichen werden können.       

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Laumann.

Das Interview führte Holger Senft, freier Journalist aus Berlin.

 

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