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  • 26.02.2016
  • Management

Entbürokratisierung

Kampf dem Ungeheuer

Das Bürokratiemonster lebt. Das wissen Krankenhausmanager, Pflegende, Ärzte und Leiter von Pflegeeinrichtungen zu gut. Doch Karl-Josef Laumann, Pflegebeauftragter der Bundesregierung, kämpft erbittert gegen das Monster, insbesondere in der Altenpflege. Zwar ist es noch lange nicht besiegt, aber Laumann scheint zu gelingen, was kaum jemand für möglich hielt: Das Monster wird Stück für Stück gebändigt. In der Altenpflege zeigt die Entbürokratisierungsinitiative des Pflegebeauftragten Wirkung, selbst wenn noch lange nicht von einer flächendeckenden Implementierung die Rede sein kann. 

 

Experten berichten über eine schlankere Dokumentationspraxis in der ambulanten und stationären Langzeitpflege. Kann, was in der Dokumentation der Altenpflege begann, auf andere Bereiche des Gesundheitswesens ausgeweitet werden, ein Gesundheitssystem mit weniger Bürokratie?

 

Laumann hat unmittelbar nach der Bundestagswahl 2013 das Thema Entbürokratisierung in der Pflege ganz oben auf seine Agenda gesetzt und sich dabei auf das Konzept der ehemaligen Ombudsfrau zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation, Elisabeth Beikirch, gestützt. Demzufolge werden nicht mehr sämtliche pflegerische Tätigkeiten erfasst, sondern nur noch Auffälligkeiten, insbesondere, wenn sie vom Pflegekonzept abweichen. Echte Pflege am Menschen also, statt ausufernde Dokumentation als Futter für das Bürokratiemonster.

 

„Eine der wichtigsten Herausforderungen der Pflege in Deutschland ist es, auch in Zukunft genügend geeignete Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen. Umso wichtiger ist es, den Beruf deutlich attraktiver zu machen und unsere Pflegekräfte bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen und zu entlasten. Die überbordende Bürokratie bei der Pflegedokumentation ist in diesem Zusammenhang der Motivationskiller Nr. 1. Mit dem so genannten Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation ist damit endlich Schluss. Schon heute zeigt sich: Das von mir vorangetriebene Projekt ist ein voller Erfolg", erklärte Laumann auf Anfrage von  BibliomedManager.

 

Für die zentrale Koordination der bundesweit angelegten Initiative des Staatssekretärs verantwortlich ist das Projektbüro „Ein-STEP" (Einführung des Strukturmodells zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation). Dem Büro zufolge stellen derzeit rund 4.100 ambulante Betriebe und mehr als 4.300 stationäre Einrichtungen auf das neue Dokumentationssystem um. Das seien mehr als 33 Prozent der insgesamt 12.300 Pflegedienste und etwa 35 Prozent der 12.400 deutschen Pflegeheime. Anvisiert hatte Laumann laut Ein-STEP zunächst 25 Prozent.

 

Ein erfreuliches Ergebnis, sagen nicht nur die Projektinitiatoren selbst, sondern auch Vertreter von Pflegeverbänden und Einrichtungsträgern. Vor allem weil die Pflege mit der Implementierung einer neuen Art zu dokumentieren derzeit einen „Paradigmenwechsel" vollziehe, betont Thomas Meißner, Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats (DPR). Dieser müsse insbesondere im Bewusstsein der Einrichtungsleitungen und der Pflegenden ankommen. „Das ist eine Herausforderung. Aber ich halte die Berufsgruppe für diesen Schritt absolut bereit", so Meißner. „Die Pflegekräfte sollen eigenständig nachdenken und das dokumentieren, was sie für wichtig halten. Sie müssen entscheiden, was für den Kollegen zur weiteren Versorgung des Patienten essenziell ist. Nur so ist eine patientenorientierte Pflege möglich", sagt Meißner.

 

Dass es nicht einfach ist, über Jahre gewachsene Strukturen wie Dokumentationsgewohnheiten zu bezwingen, darauf verweist Georg Hammann, Leiter Unternehmensentwicklung der Johanniter Seniorenhäuser GmbH in Köln. Die Gründe dafür seien häufig systemimmanent: „Vielfach entscheiden Fachfremde über Strukturen und Vorgehensweisen in der Pflege", so Hammann. Hinzu komme der „politisch instrumentalisierte Druck und das immer noch geringe Selbstwertgefühl der Pflegenden". Aber dies sollte nicht dazu führen, sich der neuen Dokumentationspraxis zu verweigern. Hammann hält zudem die Vielzahl der Anforderungen, die mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) einhergehen, für mögliche Motive für die trotz der höher als erwarteten Beteiligungsquote unterm Strich vorhandene Zurückhaltung gegenüber Laumanns Projekt. Denn: „Die dadurch induzierten Veränderungen sind komplexer und entscheidender als einst die Einführung der Pflegeversicherung."

 

Ähnlicher Auffassung ist auch der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). „Wir stehen gerade vor den umfassendsten Reformen seit Einführung der Pflegeversicherung: Dies betrifft den Pflegebegriff, die Pflegegrade, das Leistungsportfolio der Pflegeversicherung und die Qualitätssicherung. Viele Einrichtungen beschäftigen sich mit den Umstellungen, die sich aus dem PSG II ergeben und die bis zum 1. Januar 2017 wirksam werden", erklärt Jürgen Brüggemann vom Team Pflege des MDS. Da sei es verständlich, dass einige Betriebe zögerlich seien, zeitgleich auf das neue Strukturmodell umzustellen. Auch Meißner zeigt durchaus Verständnis für Unsicherheiten seitens der Unternehmen. Er hebt jedoch als Ausgangspunkt vor allem den sich derzeit in der Pflege vollziehenden Generationswechsel und den Personalmangel hervor.

 

Eine gesetzliche Verpflichtung, um die Beteiligung am Entbürokratisierungsprojekt weiter auszubauen, lehnen sowohl der DPR als auch der MDS ab. Bislang ist es den Heimen und ambulanten Diensten überlassen, sich für oder gegen das neue Modell zu entscheiden. „Und das ist auch gut so, denn es gab auch schon vor dem Strukturmodell viele Einrichtungen, die mit sehr hoher Qualität und einem relativ geringerem Aufwand die Pflegeplanung und die Pflegedokumentation umgesetzt haben", erklärt Brüggemann. Perspektivisch stelle sich jedoch die Frage, „wer zukünftig für die weitere Verbreitung des Strukturmodells verantwortlich ist. Hier sehen wir im hohen Maße die Pflegeeinrichtungsverbände am Zuge".

 

Eine Verpflichtung zur Teilnahme an der Verschlankung der Dokumentation in der Altenpflege kommt auch für den DPR nicht in Betracht. „Das baut unnötigen Druck auf", weiß Meißner. Stattdessen gehe es darum, das neue Modell in die Lehrpläne der Pflegeschulen zu integrieren. „Nur so kommt die Botschaft beim Nachwuchs an. Und das trägt letztlich zur Weiterentwicklung der Pflege bei", betont der DPR-Vertreter. Er weist auch Bedenken der Einrichtungen zurück, es könnte bei Qualitätsprüfungen durch die Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) aufgrund der Implementierung der neuen Dokumentation zu negativen Bewertungen kommen. Er kenne niemanden aus der MDK-Gemeinschaft, der dieses Projekt nicht mit trage. Im Gegenteil: „Es gibt einen sehr konstruktiven und partnerschaftlichen Austausch mit dem MDS. Auch die MDK-Prüfer sind bestens geschult. Der MDS wird bei der Umsetzung der Entbürokratisierung sicher nicht das Problem sein", so Meißner. „Das typische Feindbild vom MDK ist Geschichte."

 

Anders hingegen sieht dies die Johanniter Seniorenhäuser GmbH. Hammann zufolge bereiteten die „wenig einschätzbare Reaktion der MDK-Prüfer und die vielfach unzulänglichen Qualifikationen der Prüfenden der Heimaufsichten" den Einrichtungen „große Sorgen". Die Prüfer seien häufig nicht angemessen geschult. „Teilweise haben lediglich zwei bis vierstündige Fortbildungen stattgefunden, das reicht in keinem Fall aus, um die Umsetzung des Strukturmodells fachgerecht zu prüfen und zu bewerten", kritisiert Hammann. Der MDS sichert seinerseits zu, Einrichtungen hätten „keinen Grund zu befürchten, es käme bei der Umsetzung des Strukturmodells zu negativen Bewertungen". Es werde zu keinen Benachteiligungen der Heime oder ambulanten Dienste kommen, die das neue Modell implementierten, verspricht Brüggemann.

 

Ein weiterer kritischer Punkt, der zum Widerstand mancher Betriebe gegen Laumanns Entbürokratisierungsprojekt führt, ist für Hammann der Aspekt des Vertrauens. Zwar sei es Laumann bisher gelungen, „die Akzeptanz der Pflegenden (wieder) zu gewinnen", aber er dürfe in diesem Bemühen nicht nachlassen, fordert der Johanniter-Vertreter. DPR-Präsidiumsmitglied Meißner lobt in diesem Zusammenhang Laumann als eine zentrale Leitfigur. Er sei ein authentischer Politiker, dem auch die Profession Pflege vertraue. „Laumann hat dafür gesorgt, dass die auf Kernbereiche orientierte Dokumentation bekannt, geprüft und evaluiert wurde. Seine Botschaft kommt bei den Pflegenden an", so Meißner.

 

Für die Zukunft wünscht sich das DPR-Präsidiumsmitglied eine akademische Begleitung des Projekts. „Wir brauchen regelmäßig wissenschaftliche Erkenntnisse, um die neue Dokumentationspraxis qualitativ weiterzuentwickeln." Ebenso entscheidend sei die Klärung der Frage, wie die Initiative künftig weiterfinanziert werden könne. Die monetäre „Initialzündung" sei vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gekommen. Nun seien auch die Pflegeverbände am Zug. Aber die Investitionen zahlten sich im Endeffekt aus. „Die unternehmerische Entscheidung, finanzielle Mittel für die Implementierung der neuen Dokumentationsweise bereitzustellen, nützt am Ende dem Gesamtbetrieb", bilanziert Meißner. Und wenn es dann noch gelänge, die Entbürokratisierung mit der Entwicklung von IT-Systemen in der Pflege zu verknüpfen, „dann haben wir wieder Strukturen, unter denen es Spaß macht zu arbeiten".

 

Auch für die Kliniken könnte sich Laumanns Zähmung des Bürokratiemonsters letztlich rentieren. Das sieht auch Meißner so: „Wir müssen im Gesundheitssystem weg von einem arztzentrierten und hin zu einem kompetenzorientierten Versorgungssystem kommen, um deutlicher patienten- und qualitätsorientiert zu arbeiten."

 

 

 

 

 

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