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  • 31.03.2015
  • Bildung

Integriertes Lernen

"Wir brauchen eine Entstigmatisierung"

Der Leiter der Katholische Bildungsstätte am St. Bernhard Hospital in Kamp-Lintfort, Karsten Hartdegen, hat ein integriertes Lernkonzept erarbeitet, mit dem er vor allem Lehrern helfen möchte, mit psychisch kranken Schülern angemessen umzugehen.

 

Herr Hartdegen, Sie haben ein Blended Learning Konzept für Lehrer zum Thema „Psychisch kranke Schüler" entwickelt. Haben bei der Erarbeitung auch Ihre persönlichen Erfahrungen als Pflegepädagoge eine Rolle gespielt?


Psychische Erkrankungen bei Jugendlichen nehmen immer mehr zu. Das zeigen auch aktuelle Daten der Krankenkassen, welche sich mit meiner persönlichen Erfahrung als Lehrer und Schulleiter decken.

Das größte Problem sind Depressionen. Wer an Depression erkrankte oder gar suizidale Jugendliche erlebt hat, kann erahnen, welch ein Leid auf diesen jungen Menschen lastet.

Und die Situation wird umso mehr zu einer Herausforderung, wenn man bedenkt, dass vor allem die nächsten Bezugspersonen erkrankter Jugendlicher außerhalb der Familie - nämlich Lehrer - keine oder nur unzureichende Kompetenzen im Umgang mit den Betroffenen haben.

Viele Menschen wissen einfach nicht, wie sie mit einem psychisch erkrankten Menschen sprechen sollen, geschweige denn, wie sie ihnen helfen können. Tatsächlich wird im Studium nur wenig auf solche Gespräche vorbereitet.


Das klingt nach einer außergewöhnlichen Ausgangslage für Ihr Lernkonzept?

Ja, in der Tat. Inhaltlich sind Lehrer kaum auf Themen wie psychische Störungsfelder vorbereitet, obwohl diese zunehmend ihren beruflichen Alltag erschweren. Bezogen auf die Lernform haben sie häufig nur wenig Erfahrung mit selbstgesteuertem Lernen. Hinzu kommt die Heterogenität und Diversität der Lernenden, die ein zu sehr standardisiertes Konzept nicht sinnvoll erscheinen lassen.

Umso wichtiger war es mir, eine nachhaltig wirkende und intensive Fortbildung für Lehrer an allgemein- und berufsbildenden Schulen zu konzipieren. Ausgewählt habe ich schließlich ein Blended Learning Konzept, das von Zeit und Ort unabhängig ist und die Lehrkräfte möglichst intensiv fortbildet.

Eine große Inspiration waren für mich die Erfolge der Aufklärungskampagne „Nürnberger Bündnis gegen Depression". Die dort erzielten Ergebnisse machen nämlich deutlich, dass Information und direkte Auseinandersetzung positive Veränderungen der Einstellung bewirken können.
 

Sie leiten die Katholische Bildungsstätte am St. Bernhard Hospital in Kamp-Lintfort, eine Gesundheits- und Krankenpflegeschule. Leiden Pflegeschüler häufiger an psychischen Erkrankungen als andere Schüler?

Nein. Gesundheits- und Krankenpflegeschüler leiden nicht häufiger an psychischen Störungen als andere. „Unsere" Schüler sind allerdings unmittelbar mit Krankheit und Gesundheit, mit Leben und Sterben konfrontiert. So kommen sie automatisch viel häufiger und natürlich auch intensiver mit existentiellen Fragen in Kontakt als Gleichaltrige.

Sie erfahren sehr intensive Stresserlebnisse und werden zugleich geschult, einfühlsam und mitfühlend Pflegebedürftigen zu betreuen und zu unterstützen. Diese Gesamtsituation schafft den Eindruck, dass Pflegeschüler belasteter und insofern auch gefährdeter sind.


Inwiefern ist die Form des integrierten Lernens für die Pflegelehre von besonderer Bedeutung?

Mit Blended Learning können menschlich-immanente Bedürfnisse nach Interaktion aufgegriffen und gleichzeitig die Unabhängigkeit von Zeit und Ort bestens genutzt werden. Besonders in der interdisziplinären Pflegelehre bietet das integrierte Lernen ein großes Potenzial etwa über Netzwerke der Lehrkräfte, Praxisanleiter, Psychologen, Ärzte und Sonderpädagogen prozessbegleitend und nachhaltig zu wirken.

Die Vorteile des Präsenzlernens wie etwa Interaktivität, ein lebendiger Austausch und kollegiale Beratung können mit den Vorteilen von E-Learning, sprich Flexibilität von Ort und Zeit, Wiederholbarkeit und Multimedialität, optimal verzahnt und in verschiedenen Varianten kombiniert werden.
 

Was heißt das genau?

Durch den Einstieg im face-to-face-Kontakt wird eine Basis geschaffen, bei der Erwartungen geklärt werden. Das persönliche Kennenlernen ist ein unschätzbarer Vorteil im Beziehungsaufbau.

Der E-Learning-Anteil besteht aus mehreren Komponenten, dabei werden die  Inhalte der Vodcasts durch Reflexionseinheiten und einer Vernetzung per Mail unterstützt. Der kollegiale Austausch spielt hier eine besondere Rolle und hat vor allem bei den Fallbesprechungen „schwieriger", „kritischer" oder „störender" Schüler  hohe Priorität.

Dabei passt sich diese Fortbildungsform den Bedürfnissen der Lehrer nach Wissensvermittlung und kollegialem Austausch an, also auch denen der Pflegelehrer. Allerdings muss sie von den Schulen auch strategisch, curricular, systematisch, substantiell und klar eingebunden sein und durch Zeitressourcen unterstützt werden. Die Nachhaltigkeit muss hier als Teil der strategischen Personalentwicklung für ein ganzes Kollegium stärker in den Fokus geraten.  


Was genau wird den Lehrern in den Fortbildungssequenzen vermittelt?

Zunächst erhalten die Teilnehmer in einer Präsentationsveranstaltung Informationen über Ablauf und Inhalt der Fortbildung. Danach gibt es per E-Mail Arbeitsaufgaben. Außerdem können die Teilnehmer Kontakt zum Referenten und zu Kollegen aufbauen.

In einem zweiten Schritt starten die Vodcasts. In der Form werden Selbstlernkompetenzen entwickelt sowie reflexive Prozesse initiiert.

Im dritten Schritt trifft sich die Teilnehmergruppe zeitnah zu einem Präsenzseminar, um entlang der Vodcasts ausgewählte Inhalte diskursiv zu vertiefen. In diesem Schritt wird durch konkrete Fallsituationen der individuelle Bezug zum Schulalltag hergestellt, entsprechende Beratungskompetenzen des Kollegiums aufgedeckt und gewinnbringend eingebracht. Die dialogisch-kollegiale Beratung als Hilfe zur Selbsthilfe wird hier optimal genutzt.


Was müsste getan werden, um der wachsenden Zahl psychisch kranker Pflegeschüler entgegenzuwirken?

Da gibt es ein ganzes Bündel an Maßnahmen: Es braucht zunächst eine Sensibilisierung der Akteure auf allen Ebenen und in einem weiteren Schritt eine "Entstigmatisierung". Darüber hinaus müssen nach entsprechenden Fortbildungen strukturelle Veränderungen folgen. Hier spielen vor allem die die Implementierung der kollegialen Supervision und der Aufbau eines interdisziplinären Netzwerks eine wichtige Rolle.

Außerdem ist eine generelle Weiterentwicklung der Lehrerausbildung notwendig. So müssen vor allem die Sensibilität für die besonderen Belange psychisch kranker Schüler stärker gefördert und angehende Lehrkräfte besser unterstützt werden. 

Zudem ist es unabdingbar, die Fortbildungen  in den Schulentwicklungsprozess zu implementieren. All diese Aufgaben können schulintern zeitnah begonnen werden. Mittelfristig aber müssen diese Aspekte in den Curricula der Lehrerausbildungen und in den Fort- und Weiterbildungen berücksichtigt werden. Nur so können sich Pädagogen adäquat den Herausforderungen stellen.
 

Herr Hartdegen, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johanna Kristen.

 

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