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  • 02.11.2015
  • Bildung

Befragungsergebnisse von Auszubildenden in der Pflege vor Einführung der generalistischen Ausbildung

Pflegebedingungen attraktiv machen

Wissenschaftler der Hochschule Magdeburg-Stendal haben Schüler der Alten- und Krankenpflege zu ihrer Ausbildung sowie ihren Arbeitsbedingungen befragt. Sie wollten herausfinden, ob eine geplante, generalistische Ausbildung tatsächlich zulasten der Altenpflege geht, wie Kritiker befürchten. Im Ergebnis zeigt sich: Weiche Faktoren wie kollegiale Wertschätzung sind in der Altenpflege bedeutsam. Sie wirken sich in vielen Bereiche positiv aus und mindern damit die negativen Folgen der Arbeitsbelastungen in der Altenpflege.

Das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben im Juni einen Gesetzentwurf zur Reformierung der Pflegeausbildung vorgestellt. Ziel ist die Einführung einer generalistischen Pflegeausbildung. Dieses Vorhaben trifft in der öffentlichen Diskussion nicht überall auf Zustimmung. Die Initiative „Bündnis für die Altenpflege" begleitet die geplante Reform der Pflegeausbildung kritisch (Bündnis für Altenpflege 2015). Sie fürchtet, dass aufgrund der generalistischen Ausbildung der Fachkräftemangel in der Altenpflege zunimmt, weil die Krankenhäuser attraktivere Arbeitsbedingungen für die Auszubildenden anbieten können (ebd.).

Im Rahmen einer repräsentativen Befragung von Auszubildenden in der Alten- und Krankenpflege sind 219 Auszubildende in Magdeburg im Jahr 2014 zu ihrer Ausbildung sowie ihren Arbeitsbedingungen befragt worden. Davon sind 70 in der Krankenpflege und 149 in der Altenpflege tätig gewesen. Ziel der Befragung war es herauszufinden, inwieweit sich die Angaben in den jeweiligen Ausbildungsberufen unterscheiden und ob die Befürchtungen von Kritikern tatsächlich zutreffen.

Die Auszubildenden wurden zu folgenden Themen befragt:

  • Zahl der Überstunden
  • Zahl der zu betreuenden Pflegefälle
  • Verausgabung
  • Wertschätzung des Arbeitsumfelds
  • soziale Unterstützung der Kollegen
  • Spannungen zwischen Kollegen
  • Bedeutung der Arbeit
  • Entscheidungsspielräume
  • berufsbezogene Selbstsicherheit
  • Burn-out-Gefährdung
  • körperliche und seelische Rollenbeeinträchtigung
  • Arbeitszufriedenheit
  • Ausbildungszufriedenheit.

Höhere Arbeitsbelastung bei Auszubildenden in der Altenpflege
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Arbeitsbedingungen von Auszubildenden in der Alten- und Krankenpflege anhand der ausgewählten Merkmale statistisch signifikant unterscheiden.

Auszubildende in der Altenpflege berichten, dass sie im Durchschnitt 20,7 Patienten zu pflegen haben, während die Auszubildenden in der Krankenpflege durchschnittlich 7,8 Patienten pflegen müssen. Neben der hohen Durchschnittszahl an zu pflegenden Patienten in der Altenpflege leisten die Auszubildenden im Durchschnitt auch mehr Überstunden. So geben die Auszubildenden in der Altenpflege an, dass sie in der Woche 7,6 Überstunden im Mittel zusätzlich leisten, während die Auszubildenden in der Krankenpflege von durchschnittlich 3,4 Überstunden sprechen. Darüber hinaus äußern die Auszubildenden in der Altenpflege, dass sie sich für ihre Ausbildung stärker (Mittelwert: 2,3) im Vergleich zu den Auszubildenden in der Krankenpflege (Mittelwert: 2,2) verausgaben.

Weiche Faktoren sind in der Altenpflege positiver ausgeprägt
Die Auszubildende der Altenpflege nehmen jedoch eine höhere kollegiale Wertschätzung wahr (4,2 versus 3,8). Zudem wertschätzen die Auszubildenden ihr Arbeitsumfeld stärker (3,0 versus 2,9) als die Auszubildenden in der Krankenpflege. In den Arbeitsumfeldern der Auszubildenden in der Altenpflege wird deutlich häufiger davon berichtet, dass die Arbeitskollegen soziale Unterstützung (4,0 versus 3,4) bei der Bewältigung der Arbeitsanforderungen leisten. Gleichzeitig wird von geringeren Spannungen untereinander berichtet (2,3 versus 2,6) im Vergleich zu den Auszubildenden in der Krankenpflege.

Das günstige Arbeitsumfeld resultierend aus den weichen Faktoren wirkt sich scheinbar positiv auf die Wahrnehmung der Arbeitstätigkeit der Auszubildenden in der Altenpflege aus: Diese wird als wichtiger wahrgenommen als in der Krankenpflege (4,1 versus 3,5). Die höheren Arbeitsanforderungen und das günstige soziale Arbeitsumfeld der Auszubildenden in der Altenpflege tragen scheinbar auch zur Entwicklung eines größer wahrgenommenen Entscheidungsspielraums (3,1 versus 2,6) und zur Entwicklung einer stärkeren berufsbezogenen Selbstsicherheit (3,9 versus 3,7) im Vergleich zu den Auszubildenden in der Krankenpflege bei.

Gesundheitliches Befinden trotz starker Arbeitsbelastung genauso stark ausgeprägt wie unter Auszubildenden der Krankenpflege
Bei der Beurteilung der gesundheitlichen Folgen könnte aus den unterschiedlich wahrgenommenen Arbeitsanforderungen der Schluss gezogen werden, dass die Auszubildenden in der Altenpflege aufgrund der höheren Arbeitsanforderungen über eine schlechtere gesundheitliche Verfassung berichten müssten im Vergleich zu den Auszubildenden aus der Krankenpflege. Doch die Ergebnisse weisen darauf hin, dass sich die Bewertungen der Auszubildenden in den unterschiedlichen Ausbildungsgängen sehr stark ähneln und sich nicht statistisch signifikant unterscheiden. Die Auszubildenden sowohl in der Alten- als auch in der Krankenpflege berichten von etwa gleich stark ausgeprägten seelischen sowie körperlichen Rollenbeeinträchtigungen. Außerdem weisen sie eine gleiche Burn-out-Gefährdung auf.

Weiche Faktoren kompensieren negative Folgen
Das von den Auszubildenden in der Altenpflege wahrgenommene wertschätzendere und kollegialere Arbeitsumfeld im Vergleich zu den Auszubildenden in der Krankenpflege könnte zur Stärkung der gesundheitlichen Verfassung der Auszubildenden beitragen und deren Leistungsfähigkeit gleichzeitig stärken ohne, dass dies sich negativ auf den wahrgenommenen Gesundheitszustand auswirkt.

Die ungleichen Arbeitsanforderungen wirken sich scheinbar auch nicht negativ auf die Arbeits- und Ausbildungszufriedenheit aus. Die Zufriedenheitswerte für die Arbeit und Ausbildung unterscheiden sich nicht signifikant. Auch hier kann angenommen werden, dass sich das günstige Arbeitsumfeld der Auszubildenden in der Altenpflege möglicherweise kompensierend und positiv auf die Zufriedenheitswerte auswirkt.

Befürchtungen treffen nicht zu
Angesichts dieser Ergebnisse lässt sich konstatieren, dass die Befürchtungen des „Bündnisses für Altenpflege" hinsichtlich attraktiverer Arbeitsbedingungen in Kliniken nicht zutreffen. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass die Arbeitsbedingungen in der Alten- und Krankenpflege differenzierter zu betrachten sind als eine pauschale Bewertung in einer öffentlichen Diskussion möglicherweise erlaubt.

Die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in der Alten- und Krankenpflege stellen für die Auszubildenden unterschiedliche Anforderungen dar. In der Altenpflege sind die Auszubildenden für eine höhere Zahl an pflegebedürftigen Personen verantwortlich als in der Krankenpflege. Die höhere Arbeitsbelastung bewältigen die Auszubildenden in der Altenpflege in einem vergleichsweise stärker wertschätzenden und unterstützenden kollegialen Umfeld als die Auszubildenden in der Krankenpflege. Die Wahrnehmung von sozialer Unterstützung durch die Kollegen kann zu einem stärker entwickelten arbeits- und patientenbezogenem Verpflichtungsgefühl führen. Das kann sich bei den Auszubildenden der Altenpflege in einer höheren Verausgabung und in einer höheren Bereitschaft, Überstunden zu leisten, niederschlagen. Die damit einhergehenden hohen Arbeitsbelastungen wirken sich jedoch nicht negativ auf das gesundheitliche Befinden oder auf die Arbeits- und Ausbildungszufriedenheit aus - vergleichend mit den Auszubildenden in der Krankenpflege betrachtet. Vielmehr zeigen die Befragungsergebnisse, dass die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in der Altenpflege über die Berufserfahrung zur Entwicklung einer selbstsicheren und entscheidungsstarken Persönlichkeit im Arbeitsleben beitragen.

Generalistische Ausbildung bietet Chancen für die Auszubildenden
Die geplante Reform der Pflegeausbildung sieht sowohl in der Alten- als auch in der Krankenpflege praktische Phasen vor. Die unterschiedlichen Arbeitsanforderungen und -folgen könnten sich in der Summe positiv auf die Auszubildenden in der Pflege insgesamt auswirken. Denn die Auszubildenden gewinnen ein differenziertes Bild für die unterschiedlichen Arbeitssettings und können durch die Entwicklung eines breiteren Erfahrungshorizonts ein selbstbewussteres berufsbezogenes Rollenverständnis entfalten. Gleichzeitig ist die Aufhebung der unterschiedlich wahrgenommenen Pflegeausbildungen eine Chance und kann zu einer breiter getragenen politischen Interessensvertretung führen und damit die gesellschaftliche Position von Pflegenden stärken. Der Glaube der Politik, dass aufgrund der Generalistik der Pflegeberuf attraktiver wird, trifft sicher zu, weil den Auszubildenden dann unter den neuen Rahmenbedingungen drei neue Arbeitsfelder zur Verfügung stehen. Diese stehen jedoch heute schon den Pflegern offen, wie verschiedene Beschäftigungsanalysen aus der Alten- und Krankenpflege zeigen – hier lohnt sich ein Blick in die Pflegeberichte basierend auf amtliche Statistiken. Inwieweit die Reform die Zahl der Auszubildenden insgesamt erhöht ist ein Thema, dass nur mit weiteren empirischen Untersuchungen analysiert werden kann.


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Autoren:
Rahim Hajji, Sarah Hoffman, Janina Strachau von der Hochschule Magdeburg-Stendal
 

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