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  • 19.01.2016
  • Bildung

Altenpflegeausbildung

Learning by Doing

Altenpflegeschüler aus Süddeutschland haben kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung einen Blick in ihren künftigen Berufsalltag gewagt. Eine Woche lang waren sie verantwortlich für den reibungslosen Ablauf in einem Pflegeheim. Was in der Krankenpflege schon längst zur Routine gehört, kommt jetzt erst langsam in der Altenpflege an. Vorteil für die Auszubildenden: Sie lernen selbstständig und eigenverantwortlich im Berufsalltag zu handeln.

Montagmorgen 6.15 Uhr im süddeutschen Städtchen Engen. Müde, aber aufmerksam und mit Notizbüchern ausgestattet, lauschen die Altenpflegeschüler der beiden diesjährigen Abschlussklassen der Mettnau-Schule Radolfzell der Übergabe des Nachtdienstes. Nach einjähriger Vorbereitungszeit der Beteiligen startet nun das Kooperationsprojekt „Lernen in der Praxis" in zwei Senioren- und Pflegeheimen im Raum Engen (APH Engen) und Rielasingen-Worblingen (St. Verena). Auszubildende des dritten Ausbildungsjahrs sollen eine Station oder einen Wohnbereich selbstständig und eigenverantwortlich leiten. Mit den Pflegedienst- und Praxisanleitungen der jeweiligen Einrichtungen haben sie sich bereits in den vergangenen Wochen und Monaten vertraut gemacht. Die Hochschule Ravensburg-Weingarten begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Initiatoren des Projekts waren einige Ausbildungsbetriebe, die die Selbstständigkeit von Auszubildenden stärken wollten. Ziele sind entsprechend unter anderem, die Verantwortungskompetenz der angehenden Altenpfleger zu steigern, der relativ hohen Fluktuation in der Pflege entgegenzuwirken und reduzierte Arbeitszeiten aufgrund von Teilzeitarbeit oder Krankenstand zu vermeiden. Denn viele examinierte Pflegende sind gerade zu Beginn ihrer Tätigkeit als Fachkraft überfordert. Zudem soll das Projekt auf die bevorstehenden Abschlussprüfungen vorbereiten. Während derartige Projekte in der Gesundheits- und Krankenpflege gängige Praxis sind, ist dieses Kooperationsprojekt nach gegenwärtigem Stand der Literaturrecherche das erste seiner Art in der Altenpflegeausbildung.

Lernen, Verantwortung zu übernehmen
Durchschnittlich je acht Auszubildende führen eigenverantwortlich eine Station mit rund 20 Bewohnern mit begleitendem Coaching durch die Praxisanleitungen. Zentrale Aufgaben: je eine Schichtleitung im Früh- und Spätdienst übernehmen, täglich auftretenden und außergewöhnlichen Pflegeproblemen sowie den täglichen Herausforderungen einer Station in der Rolle der Fachkraft gerecht werden. Die Auszubildenden begleiten eine gerontopsychiatrische Visite, versorgen chronische Wunden unter fachkundiger Anleitung von Wundmanagern. Sie regen die Sinne und das Gedächtnis der Bewohnern mit Basaler Stimulation, biografisch orientierter Aktivierung und gemeinschaftlichen Aktivitäten an. Ein Highlight ist der unangekündigte Besuch der Heimaufsicht. Nach Dienstende unterstützen die Lehrkräfte der Mettnau-Schule die Auszubildenden bei der Reflexion ihrer Schicht und aufgetretenen Fragen, Wünschen, Anregungen und Konflikten.

Nach Abschluss der Projektwoche wurde unter Schülern, Mitarbeitern der Einrichtungen und Lehrkräften eine Online-Befragung durchgeführt. Das Projekt wurde mehrheitlich als positiv empfunden. Allerdings kristallisierte sich heraus, dass die Auszubildenden einen kritischeren Blickwinkel einnehmen verglichen mit den Lehrkräften und Praxisanleitern. Der Nutzen für ihren beruflichen Werdegang wird seitens der angehenden Altenpfleger hinterfragt. Die einwöchige Dauer wird als zu kurz empfunden. Die Umsetzung von Theorie in die Praxis wird ebenfalls unterschiedlich wahrgenommen. Ebenso wird der Zeitpunkt kurz vor der mündlichen Abschlussprüfung mehrheitlich abgelehnt und ein deutlich früherer Projekttermin gewünscht. Kritisiert wurde auch die unrealistische üppige, nicht übliche Personalbesetzung. Auch wurde bedauert, dass während des Projekts die Lehrkräfte nicht für praxisnahes Lernen von beispielsweise Kinästhetik, Aktivierung oder Krankheitsbildern zur Verfügung standen.

Es gibt noch Optimierungspotenzial
Insgesamt fühlten sich die Auszubildenden von den Praxisanleitern und Lehrkräften gut begleitet. Die Atmosphäre und Zusammenarbeit in den Einrichtungen wurde als positiv und besonders gelungen empfunden. Für die Lehrkräfte bot das Projekt die Möglichkeit, die Auszubildenden abseits der Theorie in der Praxis neu kennenzulernen und überwiegend positiv mit anderen Augen zu sehen.

Zu begrüßen wäre gewesen, wenn sich von den Ausbildungseinrichtungen dieses Jahrgangs mehr als zwei Einrichtungen aktiv am Kooperationsprojekt beteiligt hätten. Die Gründe für die Zurückhaltung liegen im Dunkeln. Führungskräfte im Pflegebereich sollten jedoch der Frage nachgehen, inwieweit sie ihrer Verpflichtung nachkommen, den Auszubildenden hinsichtlich einer qualitativ hochwertigen Ausbildung in Zeiten von Personalmangel und Sparmaßnahmen gerecht zu werden, und wie sie künftig gute, geeignete Schüler für die Altenpflegeausbildung motivieren können.

Wegweisend auch für die Politik in Berlin könnte die Bewohnerzufriedenheit während des Projekts sein. Diese schätzten den ungewohnten Betreuungs- und Pflegeschlüssel, die Pflege ohne Zeitdruck des Personals und die entspannte Atmosphäre.Die Bewohner dürfen sich schon jetzt auf eine Fortführung des Projekts im nächsten Jahr freuen.
Einen wichtigen Beitrag für die künftige Projektgestaltung leistete die Evaluation der Hochschule Weingarten. Diese eruierte die Wünsche der beteiligten Kooperationspartner und gab Empfehlungen für die praktische Umsetzung. So wird künftig das Projekt zweiwöchig laufen und zu einem günstigeren Zeitpunkt starten. Weiterhin wird nun gemeinsam mit der Hochschule ein Projekt initiiert, wie und wo Fördergelder zur Projektfinanzierung gewonnen werden können.

Fabian Thieringer und Jutta Wolf, zum Zeitpunkt der Texterstellung auszubildende Projektteilnehmer
Mettnau-Schule, Scheffelstraße 39, 78315 Radolfzell

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