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  • 11.05.2015
  • Management

Wundmobil

„Leider ist die Pflege immer noch das Stiefkind der Gesellschaft"

Im Großraum Dessau kommen Pflegekräfte direkt zur Versorgung von Wundpatienten in deren vier Wände. Ein Service, der bei Betroffenen, Ärzten, Kliniken und Sanitätshäusern gut ankommt. Station24 sprach mit Anika Kapp vom „ Pflegedienst Lebenswerk Marc Tandel" über den Einsatz des Wundmobils und ihre Wünsche für die Zukunft.

 

Frau Kapp, Sie setzen ein Wundmobil ein, um Patienten mit chronischen Wunden zu versorgen. Wie kam es dazu?

Die Idee kam von einem Sanitätshausleiter, der das Wundmobil schon erfolgreich in einer anderen Großstadt eingesetzt hatte. Irgendwie muss man sich ja von allen anderen Mitbewerbern abheben und auf sich aufmerksam machen.

Wir nutzen das Wundmobil jetzt, um auf unseren Schwerpunkt in der ambulanten Versorgung hinzuweisen. Hier verfügen wir über besonderes Know-how.

An der Versorgung von Betroffenen sind Ärzte, Pflegende, Kliniken und Sanitätshäuser beteiligt. Wie genau läuft die Zusammenarbeit ab?

Mit stetiger Akquise, aber vor allem durch dauerhaft qualitativ hochwertige Arbeit haben wir uns einen guten Stand bei allen Akteuren erarbeitet. Das spricht sich natürlich auch im Kreis der Ärzteschaft rum. Gerade in der Wundversorgung achten wir auf eine budgetfreundliche Versorgung. Das empfinden viele Mediziner als großen Vorteil.

Auch die enge Zusammenarbeit mit unseren Wundexperten ist vorteilhaft und hilft unserem Fachpersonal auch bei schwierigsten Fallkonstellationen. Die Wundexperten sind nicht an bestimmte Hersteller  gebunden und können so auf eine sehr breite Auswahl von Verbandsstoffen und Therapiemöglichkeiten zugreifen.

Wie müssen wir uns einen Patientenbesuch vorstellen. Das Wundmobil fährt vor und dann?

Wir fragen alle Klienten, die wir aufnehmen, zunächst nach ihren Wünschen und Bedürfnissen. Dadurch erfahren wir bereits im ersten Gespräch, welche Problematiken es gibt. Mit unserer Erfahrung können wir diese in den meisten Fällen im Anschluss sehr gut kompensieren. Denn: Wir betrachten den Patienten nicht nur nach der vorhandenen Problematik, die wir versorgen sollen, sondern individuell und ganzheitlich.

Das heißt ganz konkret?

Wir gehen auf die Wohnsituation ein und stehen in regelmäßigen Kontakt mit Angehörigen oder Bekannten. Das kostet natürlich viel Zeit. Aber die Dankbarkeit und die Erfolge unserer Arbeit spiegeln unser berufliches Selbstverständnis wider.

Was passiert nach dem Erstgespräch mit den Betroffenen?

Mit dem Einverständnis des Klienten setzen wir uns mit allen beteiligten Fachbereichen und Akteuren in Verbindung. Dann gibt es eine kurze Fallbesprechung im Pflegeteam gemeinsam mit unserem Wundmanager vom Sanitätshaus über notwendige Maßnahmen und Hilfsmittel. Anschließend setzt sich dieser mit den entsprechenden Haus- und Fachärzten in Verbindung und leitet alle weiteren Schritte ein.

Was gehört unter anderem dazu?

Im medizinischen Bereich sind das etwa die Rezeptierung von Verbandsstoffen, Rehahilfsmitteln, Nahrung und Orthopädietechnik. Im Bereich der Pflege die Beantragung von Pflegestufen und Pflegehilfsmitteln, Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege wie auch ärztliche Anordnungen im Bereich des SGB V.

Wie reagieren die Patienten und Ärzte auf den mobilen Service?

Beide Seiten durchweg sehr positiv. Für den Patienten ist es eine Erleichterung, da die Versorgung direkt bei ihm zuhause stattfindet und er so gar nicht oder nur selten eine ärztliche Praxis aufsuchen muss.

Von vielen Ärzten erhalten wir die Rückmeldung, dass sie es als äußerst komfortabel empfinden, wenn ein multiprofessionelles Team die Koordination übernimmt. So wird vor allem im Praxisalltag etwas mehr Raum geschaffen.

Wie viele Einsätze fährt das Wundmobil in der Woche und wie viele Autos sind derzeit in der Region Dessau unterwegs?

Das Wundmobil ist in Dessau einzigartig und andauernd unterwegs. Eine genaue Einsatzzahl zu nennen, ist sehr schwer. Aktuell bewegt sich das Wundmobil in 3 Bundesländern. Zusätzlich hat der Pflegedienst „Lebenswerk" 6 Autos, die umherfahren und die Patienten betreuen.

An dieser Stelle sei aber darauf hingewiesen, dass das Wundmobil in der Region auch mit anderen Pflegediensten zusammenarbeitet. Im Mittelpunkt steht aber immer der Patient, dessen Wünsche und baldige Heilung.

Wer finanziert das Wundmobil?

Das Wundmobil ist mein Privatwagen. Ich bin mit Herz und Seele bei meiner Arbeit. Der Aufbau des Netzwerks erfordert natürlich Engagement und absolute Loyalität und da ist es für mich selbstverständlich, dies auch privat zu leben. Die Spritkosten bekomme ich natürlich ersetzt.

Wie sorgen Sie dafür, dass Betroffene auf Sie aufmerksam werden?

Werbung, Werbung und nochmals Werbung. Durch stetigen Kontakt mit Ärzten, anderen Pflegediensten, Kliniken und Kooperationspartnern arbeiten wir Hand in Hand. So können wir die Menschen ganzheitlich und individuell beraten und auch versorgen - multiprofessionelles Arbeiten eben.

Der demografische Wandel führt vor allem in den neuen Bundesländern zunehmend zu medizinischen Versorgungsengpässen. Ist das Wundmobil die Lösung, um die Zukunft der ambulanten Versorgung sicherzustellen?

Das ist unser großes Ziel, an dem wir tagtäglich arbeiten. Es gibt Studien, die belegen, das knapp 80 Prozent aller Menschen nicht adäquat versorgt sind, egal ob sie eine Wunde haben oder an anderen Defiziten leiden.

Jeder hat jedoch das Recht, seine Lebensqualität zu erhalten. Bei dem Angebot an Hilfsmitteln heutzutage dürfte eigentlich niemand eingeschränkt sein oder werden. Aber leider ist das nicht die Realität! Deshalb hoffen wir, mit unserem Service einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten zu können.

Wo sehen Sie zusätzlichen Handlungsbedarf?

Ich würde mir wünschen, dass JEDER, der im Gesundheitswesen eine Ausbildung oder Studium macht, mehr darauf geschult wird, den ganzen Patienten und sein Umfeld zu sehen, statt nur die Krankheit beziehungsweise das Krankheitsbild.

Eine Unterstützung bei diesem Projekt seitens der Kostenträger wäre natürlich bombastisch! Auch fehlen die Fachkräfte und der Nachwuchs. Leider ist die Pflege immer noch das Stiefkind in der Gesellschaft. Hier würde ich mir einfach nur mehr Ansehen und Respekt wünschen. Damit wäre ich schon sehr zufrieden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Wundmobils?

Dass es sich in Deutschland durchsetzt und man es auch in anderen Städten sieht. Aber bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg, auf den ich mich persönlich aber sehr freue. Bedanken möchte ich mich besonders bei unserem Geschäftsführer sowie allen Kooperationspartnern, die unsere Arbeit unterstützen und entsprechende Freiräume schaffen. Beeindruckt bin ich auch, dass meine Kollegen die Philosopie des Wundmobils mittragen und uns tatkräftig unterstützen. Vielen Dank!


Frau Kapp, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johanna Kristen.

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