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  • 14.07.2015
  • Management

Pflege-App soll pflegende Angehörige entlasten

„Häusliche Pflege ist ein Tabu-Thema"

Rund 1,25 Millionen Pflegebedürftige werden in Deutschland zuhause versorgt. Oft 24 Stunden am Tag. Angehörige geraten dabei häufig an ihre Grenzen – psychisch wie körperlich. Mit der App „Kinaesthetics Care" will Henriette Hopkins diesen Helfern das Leben erleichtern. Wir haben sie getroffen und nachgefragt, was es mit der neuen App auf sich hat.

Frau Hopkins, sie haben eine App für pflegende Angehörige entwickelt und wurden dafür mit dem Health:Angel, dem Branchen-Award, ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch. Wie fühlen Sie sich?
Vielen Dank. Diese Ehrung bestätigt mich darin, dass sich der zeitliche und finanzielle Aufwand gelohnt hat und, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Hätte man mir vor 15 Jahren erzählt, dass ich eines Tages eine Pflege-App erfinde, hätte ich es wohl nicht geglaubt. In der Pflegebranche bin ich zwar schon seit 30 Jahren unterwegs. Anfangs als Krankenschwester, später als Pflegedienstleiterin, Heimleiterin und Personalvermittlerin, aber der Digitalmarkt ist Neuland für mich. Von der ersten Konzeption bis zur funktionierenden App hat es über ein Jahr gedauert.

Ihre App soll pflegenden Angehörigen den Alltag erleichtern. Wie kamen Sie auf diese doch eher ungewöhnliche Idee?
Als mein Großvater 2005 nicht mehr alleine leben konnte, entschloss ich mich, ihm seinen Wunsch, zu Hause zu sterben, zu erfüllen. Ich gab meine Arbeit auf, kehrte in mein Heimatdorf Zwiesel im bayerischen Wald zurück und pflegte ihn bis zum Tod. Das war selbst für mich als gelernte Pflegefachkraft eine Belastungsprobe. Damals fiel mir auf, dass häusliche Pflege ein Tabu-Thema ist. Kaum jemand spricht darüber. Die Menschen haben Angst, sich öffentlich als überfordert zu „outen". Dabei ist es wichtig zu wissen, dass es Anderen ähnlich geht. Dass es in Ordnung ist, mit den Nerven am Ende zu sein und sich helfen zu lassen. Genau hier setzt meine App an. Nutzer müssen niemandem Rechenschaft ablegen oder Fremde um Unterstützung bitten.

Man kennt die kleinen Programme eher aus der Kulinarik oder dem Bahnfahren. Häusliche Pflege ist komplexer als ein Koch-Rezept. Wie kann ihre App unterstützen?
Im Pflegefall ist jeder überfordert. Man muss schnell viel organisieren, hat wenig Zeit und Hilfe. In meiner App sind wichtige Infos gesammelt. Sie erklärt das Pflegeversicherungsgesetz an Beispielen. Verständlich und nachvollziehbar. User finden ausdruckbare Antragsformulare und Tipps zum Umgang mit der Kasse oder dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Nicht jedem fällt es leicht, die Dringlichkeit seines Anliegens in Worte zu fassen. Wenn ich ein Pflegebett beantrage, brauche ich es sofort, nicht in sechs Wochen. Das muss ich den Sachbearbeitern klar machen. Die App hilft dabei. Und sie unterstützt bei Pflegehandlungen.

App-Hilfe bei der Pflege – das ist schwer vorstellbar. Wie funktioniert das ganz konkret?
Mit elf Videokursen, die auf dem Bewegungskonzept „Kinaesthetics" basieren. Dabei geht es um das gemeinsame Tun. Die Pflegeperson verrichtet die Arbeit nicht allein, sondern der Pflegebedürftige hilft aktiv mit. So wird dessen Mobilität gefördert, während der Angehörige gleichzeitig entlastet wird. In drei- bis vierminütigen Clips erklärt Kinaesthetics-Trainerin Ute Zimmermann, wie Patienten und Pflegende alltägliche Bewegungsabläufe, etwa das Aufstehen aus Bett oder Rollstuhl, miteinander bewältigen. So bleibt einerseits der Rücken gesund, andererseits wird die Beziehung untereinander gestärkt. Etwas gemeinsam zu schaffen, schweißt zusammen. Pflegebedürftige haben dabei häufig ein Aha-Erlebnis. Sie merken: Das kann ich ja noch selbst.

Es gibt eine Vielzahl an Pflege-Kursen für häuslich Pflegende. Meist sogar von der Krankenkasse bezahlt. Wozu eine zusätzliche App?
Diese Pflege-Kurse sind richtig und wichtig. Allerdings beschränken sie sich meist auf grundsätzliche Pflegevorgänge. Etwa das Waschen und Lagern einer Person. Wie dabei die eigenen Kräfte geschont und der alte Mensch gefördert werden kann, wird oft nur angerissen. Anders wäre es in dem Zeitumfang nicht möglich. Die Erklär-Videos kann sich der Nutzer bei Unsicherheiten immer wieder anschauen. Wenn die Mutter eine neue Pflegestufe benötigt, kann er sich über die App informieren und das Antragsformular ausfüllen. Nicht zu unterschätzen ist zudem der Zeitfaktor. Für Schulungen oder Beratungstermine muss ich das Haus verlassen, also eine Pflege-Vertretung organisieren. Das kann zur Herausforderung werden. Der Vorteil meiner App liegt also in der örtlichen Ungebundenheit sowie in der ständigen Aktualisierung und Verfügbarkeit. User bekommen alles aus einer Quelle.

Welche Resonanz haben Sie bisher bekommen?
Da die App erst seit Kurzem in den Stores erhältlich ist, kann ich dazu nur die Meinung der Jurymitglieder beim Health Media Award zitieren. Sie sagten, die App erleichtere den Alltag häuslich Pflegender auf unkomplizierte Weise und sorge für mehr Sicherheit. Ich bin gespannt auf die ersten User-Reaktionen.

Irgendwann haben die Nutzer alle elf Kurzfilme gesehen. Wie sehen Ihre Zukunftspläne für die App aus?
Ich werde die Pflege-App ständig weiterentwickeln. Es werden regelmäßig neue Kursvideos und Service-Angebote verfügbar sein. Zudem plane ich ein Forum zu integrieren, über das sich pflegende Angehörige bundesweit austauschen können. Manchmal kommt es vor, dass von der gleichen Erkrankung betroffene Familien sehr weit voneinander weg leben. Ich möchte, dass meine App sie dabei unterstützt, einander trotzdem Halt zu geben. Langfristig möchte ich Kinaesthetics Care auch in anderen Ländern anbieten. Die Herausforderung daran wird es sein, alle Informationen anzupassen. Die gesetzlichen Richtlinien unterscheiden sich von Land zu Land. Die Videokurse hingegen lassen sich ohne weiteres in anderen Sprachen synchronisieren.

Für Ihre weiteren Pläne alles Gute und herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Hopkins.

Das Gespräch führte Ronja Gysin, freie Journalistin aus Stuttgart.

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