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  • 24.08.2015
  • Management

Ambulante Seelsorge alter Menschen

„Eine Tür ins Leben öffnen"

Hochbetagte Menschen haben häufig eine beeindruckende Biografie: Sie haben schöne, aber auch bedrückende Momente erlebt. In ihrer letzen Lebensphase kommen noch einmal viele schmerzhafte Abschiede hinzu. Ehepartner sterben und der eigene Körper verfällt zunehmend. In dieser Zeit brauchen die Betroffenen vor allem seelsorgerische Unterstützung. Solche Situationen allein zu bewältigen, kostet enorm viel Kraft. Station24 sprach mit Pfarrer Peter Munzert. Er hilft alten Menschen, den Weg zurück ins Leben zu finden und den Blick stets nach vorn zu richten.

 

Herr Munzert, Sie sind Experte für die Seelsorge an alten Menschen. Was macht diese Arbeit für Sie so besonders?

Zunächst muss ich sagen, dass sich unser Verständnis vom Altwerden sehr verändert hat: Es gibt heute Menschen, die mit 85 noch vital sind oder auch mit 90 keine großen gesundheitlichen Probleme haben. An Alzheimer erkrankt statistisch nur jeder dritte über 90 Jahre. Außerdem gibt es heute eine sehr gute medizinische Versorgung, die mehr denn je ein langes Lebens ermöglicht.

Ich denke, es ist Aufgabe der Seelsorge, jeden Menschen persönlich anzusprechen. Was ich aber immer wieder erlebe: Die Seelsorge bei Menschen im hohen Alter lebt vom Vertrauen. Ältere Menschen brauchen einfach ein wenig mehr Zeit, um sich auf andere Personen einzustellen. Erstaunlicherweise haben gerade Menschen mit Demenz einen guten Sinn dafür, wem sie vertrauen können. Es entsteht manchmal fast der Eindruck, dass kognitive Schwächen mit affektiven Stärken ausgeglichen werden.

Darüber hinaus spüren ältere Menschen sehr rasch, ob sie sich auf eine Begegnung einlassen möchten, oder ob sie sich unwohl fühlen. Generell ist die Seelsorge im Pflegeheim eine ehrliche Situation. Man braucht einander nichts vorzumachen. Die Masken dürfen fallen und man verstellt sich nicht mehr.

Hier ist vor allem die Liebe zum älteren Menschen sehr wichtig; ohne sie geht es nicht. Außerdem braucht es Respekt vor dem hohen Alter, eine Haltung, die die Würde gerade im Pflegebereich wahrt. Denn die letzte Lebensphase ist oftmals sehr schwer für alle, für Betroffene, Angehörige und die Pflegende.

Wie unterscheidet sich die Seelsorge bei Hochbetagten von der klassischen Notfallseelsorge?

In der Notfallseelsorge muss alles meist recht schnell gehen und es braucht eine unmittelbare Reaktion. Beispielsweise bei einem akutem Notfall, einem Unfall oder im schlimmsten Fall bei einem plötzlicher Todesfall. Da müssen Notfallseelsorgende rasch entscheiden. Dennoch soll Seelsorge auch immer Ruhe in eine bedrohliche und dramatische Lebenssituation bringen. Sie soll helfen, sich nicht lähmen zu lassen. Denn der Schrecken sitzt einem meist tief genug in den Knochen. Ängste, Sorgen, Schmerzen, Trauer – Gefühle, die in einer solchen Situation auf die Betroffenen einstürzen.

Im Grunde ist es in der Notfallseelsorge so wie in der Medizin: Notfallseelsorge soll für den Moment stabilisieren helfen. Dann kann man weiter schauen, was als nächstes wichtig ist. Die Seele braucht einfach Ruhe und Zeit, bis sie mit den Ereignissen umgehen kann.

Und von der Trauerarbeit mit Kindern oder „normal" alten Erwachsenen?

Ältere Menschen haben oft viele traurige Erlebnissen im Leben gehabt. Man denke zum Beispiel an die Biographie einer 85-jährigen Frau: Sie hat womöglich den 2. Weltkrieg als Kind und Jugendliche erlebt, eventuell Flucht und Waffengewalt. Dann kamen die Jahre des Wiederaufbaus und das Wirtschaftswunders. So ein langes Leben kann also mit sehr vielen sehr schönen, aber auch sehr einschneidenden und traurigen Erlebnissen verbunden sein.

Trauerarbeit ist dabei zweifellos wichtig. Sie ist sozusagen religiöse Biographiearbeit. Verdrängtes kommt immer wieder hoch, gerade im Alter. Aber das Ziehen von Lebensbilanz ist längst nicht alles. Es ist auch immer wichtig, danach zu schauen, was heute noch geht, was es noch für Möglichkeiten zur Lebensgestaltung gibt und  welche Bilder zum Beispiel für ein Leben nach dem Tod existieren. So gesehen ist Trauerarbeit immer auch Hoffnungsarbeit. Sie will eine Tür ins Leben öffnen.

Welches sind die häufigsten seelischen Belastungen bei Hochbetagten, um die Sie sich kümmern?

Es sind vor allem die Abschiede, die hochaltrige Menschen belasten. Hinzu kommt, dass die Gesundheit und die Mobilität nachlassen. Entwickeln sich dementielle Symptome, geraten die Betroffenen zusätzlich unter Druck. Denn sie wissen anfangs gut, woran sie erkranken, und wie sich das Krankheitsbild weiter entwickeln wird. Das macht Angst und überfordert. Auch hier setzt die Trauerarbeit an.

Diese Einschränkungen müssen erst einmal bewältigt werden. Man muss lernen, damit umzugehen, dass man nicht mehr selbst Auto fahren kann oder dass man zukünftig einen Rollator braucht.

Neben den körperlichen Abschieden, müssen sich die alten Menschen oft auch von Familienmitgliedern trennen. Beispielsweise vom schwer erkrankten oder dementen Ehepartner. Oder der Kontakt zu den Kindern ist abgebrochen, die Enkel kommen nicht zu Besuch, der Freundeskreis ist auch alt geworden und kommt nicht mehr zusammen. Vielleicht gibt es auch finanzielle Probleme. Wir steuern auch im reichen Deutschland auf eine wachsende Altersarmut zu. Das sind kleinere und größere Abschiede. Aber sie brauchen alle den Blick nach vorn.

Inwiefern können Pflegekräfte in die Seelsorge einbezogen werden?

Pflegekräfte sind ganz enge Bezugspersonen von älteren Menschen. Sie haben täglich Kontakt mit den anvertrauten Personen. Manchmal sogar sehr intensiv. Denken Sie an die körperliche Pflege. Sie ist etwas sehr Intimes. Da wird eine Grenze des Privaten überschritten und Menschen lernen sich noch einmal anders kennen als Seelsorgende das tun.

In vielen Einrichtungen sind Pflegekräfte auch so geschult, dass sie ein Gebet sprechen, einen Liedvers oder ein Segenswort sagen können. Es gibt auch Pflegende, die sich zutrauen, im Sterbefall ein Segenswort zu sprechen. Dazu gibt es entsprechende Handreichungen, die das erleichtern.

Wenn ich Gottesdienste in einer Pflegeinrichtung feiere, bitte ich immer, dass eine Pflegekraft mit dabei ist und mir hilft. Oder wenn wir am Krankenbett ein Gebet sprechen, dann ist auch meist eine Pflegekraft dabei, die zuhört und das Vaterunser mitbetet.

Pflegekräfte sind im Sinn einer ganzheitlichen und spirituell orientierten Pflege und Begleitung also unersetzlich!

Und die Angehörigen?

Auch der Familie kommt eine Schlüsselfunktion zu. Die Verwandten sind ganz besondere Bezugs- und Vertrauenspersonen. Sie geben oder erwidern Liebe und Zuneigung, sie können Geborgenheit und Vertrauen vermitteln. In der Fremdheit einer Pflegeinrichtung ist der Besuch von Angehörigen ungeheuer wichtig.

Oftmals haben sie auch die Betreuungsvollmacht und sind entsprechend der Patientenverfügung die Ansprechpartner. Aber leider sind Familien nicht immer intakt oder wohnen weit voneinander entfernt. Nicht zu vergessen, dass es immer mehr  ältere Menschen ohne nähere Angehörige.

Wenn jemand Ihre Hilfe braucht, wie läuft eine Betreuung in der Regel ab?

Zieht jemand neu in ein Heim ein, sollte rasch ein Vorstellungsbesuch, ein Erstbesuch folgen. Seelsorge lebt von der Beziehung. Es gehört aber auch das gottesdienstliche Leben dazu. Das Angebot, das Heilige Abendmahl auf dem Zimmer zu feiern, das Gebet, die Krankensalbung oder auch die Beichte.

Mir ist es wichtig zu hören, was eine Person braucht oder möchte. Das ist im Grunde der personenzentrierte Ansatz, der auch in der Seelsorge sehr wichtig ist. Es geht nicht um ein kirchliches Programm, sondern um das gemeinsame Hören auf die Seele.

Als Seelsorger helfe ich einer Person, den Weg zu sich selbst und zu Gott zu finden. Im gemeinsamen Nachspüren können sich auch innere Ruhe und Frieden wieder einstellen. Manchmal geht dies durch ein ausführliches Gespräch, manchmal durch ein Gebet, manchmal auch durch viel Schweigen – und manchmal durch die Feier eines schönen und lebendigen Gottesdienstes.

Was war Ihr prägendstes Erlebnis während Ihrer Tätigkeit als Seelsorger für alte Menschen?

Das war die Einsicht, dass das Personenbild in der Altenhilfe meist viel zu defizitär ist.

Was meinen Sie konkret damit?

Es wird zu viel darüber gesprochen, was nicht mehr geht. Das gehört unbestritten dazu. Ältere Menschen kämpfen mit vielen Verlusten und müssen mit Abschieden umgehen lernen. Doch das Kind darf nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Jedes Lebensalter hat seine Chancen und Möglichkeiten. Es gibt ein wunderschönes Buch der amerikanischen Soziologin und Photographin Cathy Stein Greenblat. Es trägt den Titel „Alzheimer und Lebensqualität". Sie beschreibt den Therapieansatz in Silverado, einer stationären Pflegeeinrichtung in Kalifornien.

Das Erleben von Nähe und von Zuneigung steht dort im Mittelpunkt. Der besondere Augenblick, das was Miteinander erlebt werden kann, das wird hoch gehalten. So bekommt das Situative einen höheren Stellenwert. Jeder Moment der Freude, des Lachens oder des gemeinsamen Singens ist etwas Besonderes.

Der Grundansatz geht nicht von einer defizitären Altersvorstellung aus, sondern fragt danach: „Was kann ich heute tun? Was macht mir Freude? Was macht mich glücklich?" Es geht ganz einfach darum, Lebensqualität zu ermöglichen.

Das können kleine Dinge sein, wie ein gemeinsames Brettspiel oder Kartenspiel. Oder das gemeinsame Singen von bekannten Kirchenliedern, das Beten vertrauter Psalmen oder einfach die Freude, wieder einen Gottesdienst besuchen zu können.

Ich muss mich in eine Person mit Demenz hineinfühlen und erspüren, was sie tun möchte. Vielleicht malt sie neben dem Blatt Papier auch ihre Hände oder die Schürze an. Das kann passieren, warum nicht! Ich sage provokativ: „Wenn es ihr Spaß macht, warum soll ich es verbieten?" De facto kommt dies einer Entmündigung gleich. Haben wir dazu überhaupt das moralische Recht? Alternative Denk- und Behandlungswege sind in unserem System der Pflegeplanung einfach nicht vorgesehen. Das ist das Problem.

Inwiefern sehen Sie auch die Politik in der Verantwortung, die derzeitige Lage der Seelsorge zu stärken?

Die jetzige Pflegereform hat endlich Demenz in den Pflegstufen anerkannt, das heißt nicht nur körperliche Einschränkungen, sondern auch dementielle Erkrankungen werden in der Pflegereform gewürdigt. Ob dies tatsächlich zu einer besseren Betreuung von Menschen mit Demenz durch die Pflegeinrichtungen führen wird, bleibt abzuwarten. Die Mittel reichen noch nicht aus. Sie sind knapp bemessen angesichts so vieler Nullrunden in der Finanzierung der Pflege.

Entscheidend ist, dass in der täglichen Betreuung von Menschen die Zeit für Gemeinschaftserlebnisse und eine ganzheitliche Pflege deutlich erhöht wird. Da muss die Politik noch etwas mutiger werden!


Herr Munzert, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johanna Kristen.

 

 

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