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  • 18.01.2016
  • Management

Palliativpflege

Letzte Wünsche wagen…

Die Wahrung von Lebensqualität und Selbstbestimmung sind zentrale Ideen und Bestandteile von Sterbebegleitung und Hospiz. Menschen in der letzten Phase ihres Lebens soll nach allen Möglichkeiten geholfen werden, selbstbestimmt zu handeln und möglichst barrierefrei Ihre letzten Tage zu erleben. Doch wie würden Sie reagieren, wenn ein sterbender Patient Ihnen anvertraut, dass er so gerne nochmal das Meer sehen möchte? Würden Sie Verständnis äußern und ihm oder ihr erklären, dass das aufgrund der aktuellen Situation und der Schwere der Erkrankung nicht möglich sei? Aber warum? Sind nicht gerade späte und letzte Wünsche in besonderer Weise dazu bestimmt, noch gewagt zu werden?

 

In der Sterbebegleitung geht es darum, Menschen in den letzten Tagen und Stunden vor ihrem Tod in Form von Trost und einfühlsamer Betreuung Beistand zu leisten. Im weiteren Sinne gehört dazu auch die spezielle palliativmedizinische Versorgung, die aber nicht von jedem Sterbenden benötigt wird. Für Menschen im Sterbeprozess ist vor allem menschliche Zuwendung besonders wichtig. Sterbebegleitung erwächst aus dem sozialen Miteinander und es bedarf dazu keiner besonderen Fähigkeiten außer der mitmenschlichen Geste. Die Unsicherheiten auf diesem Gebiet sind aber größer geworden durch die Tatsache, dass kaum jemand mehr das Sterben in seinem Umfeld erlebt.

Sterbende Menschen sind häufig in Ihrer Selbstbestimmung und deren Umsetzung deutlich eingeschränkt. Krankheitsbedingte Immobilität, Abhängigkeit von Pflege und Pflegenden, Abhängigkeit von medizinischen und ärztlichen Leistungen (z. B. Schmerztherapie), und nicht zuletzt auch Armut und Einsamkeit können Gründe für die Einschränkung dieses Selbstbestimmungsrechtes sein. Dennoch ist auch der letzte Lebensabschnitt trotz aller Widrigkeiten, Belastungen und Einschränkungen gestaltbar - bis zuletzt.


Begleitete Fahrten zu Wunschzielen der letzten Lebensphase

Anfang 2007 wurde in den Niederlanden ein erkrankter Seemann mit dem Rettungsdienst in ein Krankenhaus gebracht. Dem Patienten zuliebe machte der Rettungsassistent einen Umweg durch den nahen Hafen. Das intensive Glück des Patienten rührte den Rettungsassistenten so sehr, dass dieser für ihn eine erneute Rundfahrt durch den Rotterdamer Hafen organisierte. Für den Transport lieh er sich von seinem Arbeitgeber einen Rettungswagen. Durch die Erkenntnis, dass er sterbenden Menschen ein intensives Glücksgefühl mit nur wenigen Anrufen schenken kann, rief der Rettungsassistent wenige Monate später eine Stiftung ins Leben. Das niederländische Vorbild hat mittlerweile weltweit Nachahmer gefunden.

Auch in Deutschland kann Mobilität, als Weg zu letzten Erinnerungs- und Begegnungsorten, nun auf neue Art und Weise ermöglicht und „erfahren" werden: Der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) Ruhr e. V. bietet zum ersten Mal in Deutschland speziell Menschen in Ihrer letzten Lebensphase eine Möglichkeit, mit Hilfe ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer wichtige Ziele zu verfolgen und deren Erreichbarkeit zu ermöglichen.

Eine letzte, ruhige und bewusste Reise, etwa an einen wichtigen Ort der zurückliegenden Lebensgeschichte, der Besuch beim Fußballspiel des Lieblingsvereins und die Fahrt zum Meer sind genauso möglich wie die Einbindung des Wünschewagens in einen großen, gemeinsamen Familienausflug oder einen Ausflug zu zweit. Die Arrangements sind völlig individuell; hierbei zählen ausschließlich die Wünsche des Fahrgastes. Alle Wünsche werden von Anfang an vertraulich besprochen und auch im Nachhinein diskret behandelt.
 


Infobox 1: Die Finanzierung

Die Wünschewagen-Fahrt ist für den Fahrgast grundsätzlich kostenfrei. Zugleich zielt das Angebot darauf ab, potenziell jedem Menschen in Nordrhein-Westfalen, der nur noch über eine sehr geringe Lebenserwartung verfügt, zur Verfügung zu stehen. Dies waren für den ASB von Anfang an zentrale Zielvorgaben des Projekts. Der Wünschewagen ist auf Spenden und Sponsorenmittel sowie ASB-Eigenmittel angewiesen. Für die Anschaffung und Ausstattung des Fahrzeugs sowie die Schulung und Qualifizierung der ehrenamtlichen Kräfte wird finanzielle Unterstützung benötigt. Neben privaten Spendern und Spenderinnen sind hier auch Unternehmen angesprochen. Die gemeinsame Erfolgsgeschichte der Betreiber, Förderer und Partner der „Wunsch-Ambulanz" in den Niederlanden steht dabei als positives Beispiel vor Augen.


 

Das Fahrzeug

Zur möglichst optimalen Gewährleistung der Mobilität des Fahrgastes hat der ASB einen Krankentransportwagen auf Basis eines MB Sprinter ausgebaut (Abb. 1). Der Krankenwagen ist selbstverständlich mit dem vollständigen notfallmedizinischen Equipment auf dem neuesten Stand notfallmedizinischer Technik ausgerüstet. Darüber hinaus steht in ihm vor allem eine angenehme und entspannte Atmosphäre für den Fahrgast im Mittelpunkt.

Neben großen Panoramafenstern zur Optimierung des Fahrerlebnisses und zur optimalen Wahrnehmung der auf dem Weg durchquerten Umgebung sowie der angesteuerten Orte steht eine spezielle Innenausstattung mit einem ausgewogenen Gesamtkonzept aus Licht, Farben, Düften und Klängen zur Verfügung. Alle Sinne können angesprochen und auf die persönlichen Vorlieben des Fahrgastes abgestimmt werden.

Selbstverständlich bietet der Wünschewagen auch Raum für den Lebenspartner bzw. die Lebenspartnerin oder eine andere Begleitperson. Die Grundregel lautet auch hier, wie immer: Die Regie liegt beim Fahrgast. Obwohl es das Projekt Wünschewagen aktuell nur in NRW gibt, befinden sich derzeit in ganz Deutschland ähnliche Projekte im Aufbau.


Das Personal

Nach dem Vorbild der holländischen „Wunschambulanz" wird der Wünschewagen mit mindestens zwei Personen besetzt, wobei der Fahrer in der Regel über die Qualifikation verfügt, einen Rettungswagen zu fahren und die medizinische Bordtechnik professionell zu bedienen. Die zweite Person verfügt über medizinisches bzw. pflegerisches Fachwissen, je nach den individuellen Anforderungen des Fahrgastes – z. B. aus der Anästhesie, der Geriatrie oder der Pädiatrie.

Diese verantwortungsvolle, ethisch und psychologisch anspruchsvolle Form der Begleitung und Betreuung von schwerstkranken Menschen stellt hohe Anforderungen an alle beteiligten Personen. Der Wünschewagen wird in ganz Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus eingesetzt und soll unterschiedlichste Zielgruppen erreichen: alte und junge Menschen, Erwachsene und Kinder.

Ihre Gemeinsamkeit ist eine auf Grund ihres Gesundheitszustandes nur sehr niedrige Lebenserwartung. Um das gesamte Altersspektrum und die immense Bandbreite der individuellen Lebenssituationen abzudecken, werden Helferinnen und Helfer mit unterschiedlichem fachlichen Hintergrund eingesetzt und immer wieder neu gesucht – vom Kinderkrankenpfleger bis zur Fachärztin mit umfassenden palliativmedizinischen Kenntnissen. Der Wünschewagen gründet auf hoch qualifizierter ehrenamtlicher Arbeit.
 


Infobox 2: Helferinnen und Helfer gesucht!

Für die Transporte mit dem Wünschewagen werden Helferinnen und Helfer gesucht, für die sich diese Aufgabe nicht als komplettes Neuland darstellt. Daher werden hier ausdrücklich Menschen mit entsprechenden Berufs- und Lebenserfahrungen angesprochen. Naheliegend wäre insbesondere professionelles Erfahrungswissen aus den Bereichen der Gesundheit und Pflege, der Psychologie, aber auch des Rettungsdienstes, der Feuerwehr und – wie die Erfahrung aus den Niederlanden zeigen – der Polizei. Hierbei zählt keinesfalls der erworbene Abschluss oder das bestandene Examen, sondern Erfahrung und die Bereitschaft, die eigenen Bedürfnisse – zumindest für die Zeit des Transportes – denen des Fahrgastes unterzuordnen. Aber auch Organisationstalente und Menschen, die einfach „nur" gerne helfen möchten, sind sehr herzlich willkommen. Natürlich werden alle Helferinnen und Helfer vor der ersten Fahrt gründlich auf Fahrzeug und Gerät eingewiesen.




Wenn die Fahrt tatsächlich zur letzten Fahrt wird…

Eine ausführliche Vorbereitung ist die wichtigste Grundlage der Fahrten mit dem Wünschewagen. Im Rahmen dieser Vorbereitung werden die Stamm- und medizinischen Daten des Fahrgastes erfasst. Bei Unklarheiten wird der betreuende Arzt kontaktiert. Insbesondere geht es dabei auch um verbindliche Angaben darüber, was im Falle eines akuten Notfalles oder des Sterbefalles zu tun ist – in der Regel unter Rückgriff auf vorliegende oder im Vorfeld formulierte Patientenverfügungen. Im Falle einer Wünschewagen-Fahrt während der Zeit eines stationären Aufenthaltes muss der verantwortliche Klinikarzt dem Wunsch zustimmen.


Persönliches Fazit

Ich bin selbst bereits seit Jahren in einer Hilfsorganisation tätig. Dennoch habe ich mich für ein zusätzliches Engagement in einer anderen, ortsfernen Hilfsorganisation entschieden. Der Wünschewagen ist eine wunderbare Idee für die Menschen und ich glaube, durch mein Engagement dem ein oder anderen ein kleines Stück Lebensqualität wiedergeben zu können. Der ASB zeigt sich als Träger hier hoch angenehm, anfängliche Befürchtungen, dass mit diesem Projekt „nur" neue Ehrenamtliche gesucht werden, haben sich keinesfalls bewahrheitet.

Die Ehrenamtlichen werden vom hauptamtlichen Team bestens unterstützt und versorgt, es herrscht ein zu jeder Zeit sehr freundlicher und respektvoller Umgang miteinander. Im Wagen vorne ist sogar ein kleiner Kühlschrank eingebaut, der bei Fahrtantritt immer mit Getränken und kleinen Naschereien gefüllt ist. Mein Fazit: Hier haben sich einige Menschen einer sehr guten Idee verschrieben, in deren Mittelpunkt ausschließlich der Mensch in seiner letzten Lebensphase steht. Ich kann nur jeder und jedem empfehlen, sich einmal auf das „Abenteuer Wünschewagen" einzulassen.

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