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  • 20.01.2016
  • Management

Biografische Filme für Menschen mit Demenz

Vergiss mein nicht

Das Medium Film eignet sich in besonderer Weise, um einen persönlichen und optimistischen Zugang zur Lebensgeschichte einer mit Demenz lebenden Person zu schaffen. Mit Fotos und Filmmaterial aus Familienarchiven, Interviews mit Familienangehörigen und engen Freunden sowie vertrauten Melodien untermalt bietet eine gemeinnützige Filmproduktion aus Köln solche persönlichen Filme an – und zwar kostenlos. Die ehrenamtliche Geschäftsführerin von My Life Films, Alexa Iwan, erzählt im Interview, wie solche Filme entstehen und warum sie zum Nulltarif auf Spendenbasis angeboten werden.

Frau Iwan, My Life Films gibt es in Deutschland seit August 2015. Was genau bieten Sie für Filme an?
Personen mit Demenz verlieren nach und nach die Erinnerung an ihr eigenes Leben. Mit unseren Filmen wollen wir Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen helfen, sich die wichtigsten und schönsten Momente ihres Lebens immer wieder neu in Erinnerung zu rufen. Dabei greifen wir die konventionelle Biografiearbeit auf und erweitern den Ansatzpunkt: Wir verknüpfen Bilder mit Musik. Das führt zu einer viel stärkeren emotionalen Reizauslösung als wenn nur Bilder gezeigt oder nur Musik gehört würde. Außerdem halten die Filme für Pflegende wertvolle Informationen über den Betroffenen bereit – etwa seine Interessen oder wichtige Stationen seines Lebens.

Wie entsteht ein solcher Film?
Für einen durchschnittlich rund 30-minütigen Film besuchen wir die Familie der Person mit Demenz an drei Nachmittagen zu Hause. Mit einem von uns entwickelten Fragebogen erkundigen wir uns zunächst nach den verschiedenen Stationen des Lebens: Wo ist die Person geboren? Wie viele Geschwister gibt es? Wie heißen die Eltern? Welche Ausbildung hat die Person genossen? Wie hat sie den Ehepartner kennengelernt? Gibt es Kinder? All das halten wir schriftlich fest. „Hausaufgabe" für die Familien nach diesem ersten Treffen ist es, entsprechende Fotos zusammenzusuchen und sie in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Für den Film benötigen wir mindestens 250 Bilder. Da sich Menschen mit Demenz besser an frühere Jahre erinnern als an jene, die in jüngerer Vergangenheit liegen, sind Fotos aus Kindheit, Jugend und jungem Erwachsendasein wichtig.

Was passiert, wenn Sie die Familien ein zweites Mal besuchen?
Während des zweiten Termins scannen wir die vorliegenden Fotos ein. Das dauert etwa drei Stunden. Anschließend führen wir Interviews mit Angehörigen sowie der Person mit Demenz selbst – wenn dies noch möglich ist – und filmen die Aussagen. In der Regel berichten die Kinder, Ehepartner oder gute Freunde aus dem Leben der demenziell erkrankten Person. Der fertige Film wird dann schließlich zwei bis drei Wochen später an einem weiteren Nachmittag vorgeführt.

Wie kommen die fertigen Filme in den Familien an?
Wir bekommen ausnehmend positives Feedback. Wenn wir die Filme vorführen, ist das immer ein sehr emotionaler Moment. Oft hat die Familie Tränen in den Augen – und manchmal auch das Filmteam. Manche Familien sagen uns, dass sie sich den Film täglich anschauen. Denn der Film ist der Beweis für sie, dass es ein gutes und glückliches Leben vor der Demenzerkrankung gab. Der Film ist aber zugleich Zeugnis für die Nachwelt. Denn manche Enkelkinder kennen ihre Großeltern nur dement. Der Film zeigt ihnen die Oma oder den Opa, als sie oder er noch jung und agil war. Das offenbart einen völlig neuen Blick auf diese Person und ist unglaublich bereichernd.

Wie reagieren die erkrankten Personen?
Die Bilder in Kombination mit Musik lösen deutliche Emotionen aus. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dies auch bei Personen in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit der Fall ist. Wir haben einen Film für eine Frau gemacht, die nicht mehr gesprochen hat. An ihren Blicken hat man jedoch gemerkt, dass der Film sie auf irgendeine Art und Weise erreicht. Solch ein Film ist eben doch eine ganz andere Dimension als ein „sprachloses" Fotoalbum.

Die Produktion des Films klingt nach einigem Aufwand. Wie viele Mitarbeiter haben Sie angestellt?
Wir sind zwei ehrenamtliche Geschäftsführer und haben eine Produzentin in Vollzeit beschäftigt. Sie kümmert sich um die Abwicklung der einzelnen Projekte und koordiniert die Termine. Sie ist auch dafür zuständig, unser Projekt bekannt zu machen. Anfangs haben wir viele Krankenhäuser, Altenheime und Pflegedienste besucht und entsprechende Flyer verteilt.

Und wer übernimmt die Dreharbeiten und den Filmschnitt?
Wir arbeiten mit freiberuflichen Filmemachern zusammen, die pro Film engagiert werden und dafür eine Aufwandsentschädigung bekommen. Für Leute vom Fach sind unsere Filme unproblematisch in der Herstellung. Die Bildabfolgen werden in langsamen Sequenzen zusammengeschnitten. Für junge Filmemacher ist das eine gute Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln, für ältere Filmemacher steht der soziale Aspekt im Vordergrund.

Sie sprechen die finanzielle Seite der Filmproduktion an. Sie stellen die Filme zum Nulltarif bereit, haben aber natürlich auch Ausgaben. Wie finanzieren Sie sich?
Wir haben das große Glück, einen Hauptsponsor gefunden zu haben, der uns mit einer großzügigen Spende das erste Geschäftsjahr finanziert. Dennoch waren die ersten drei Monate eine Durststrecke, in der wir die Firma erst einmal bekannt machen mussten. Aktuell bin ich dabei, Stiftungen und andere Organisationen anzuschreiben, um weitere Sponsoren an Land zu ziehen. Wichtig ist mir vor allem, in kleinen Schritten zu wachsen und solide Arbeit zu liefern. Das geht nur, wenn wir nichts überstürzen und nicht den Anspruch haben, sofort ganz Deutschland mit solchen Filmen versorgen zu wollen.

Sie beschränken sich momentan also noch auf eine bestimmte Region?
Ja, der Fokus liegt zunächst auf der Region um Köln, Bonn und Düsseldorf. Dank bundesweiter Veröffentlichungen erreichen uns mittlerweile aber auch immer mehr Anfragen aus anderen Gebieten der Republik. Momentan fehlt uns jedoch leider noch das Geld, um Kosten für weite Fahrtstrecken für das gesamte Team zu decken. Wir sind aber auf einem guten Weg. Ich denke, für die ersten fünf Monate seit Firmengründung haben wir schon viel erreicht. Neben den finanziellen Mitteln benötigen wir natürlich auch ein gutes Netzwerk an Filmemachern, das wir kontinuierlich ausbauen. So haben wir mittlerweile Filmkollegen in München für uns gewinnen können, die wir von Köln aus coachen.

Wie ist überhaupt die Idee zu diesen Filmen entstanden?
Ein guter Freund von mir hat vor rund zwei Jahren das Projekt mit großem Erfolg in London gestartet. Er kommt ursprünglich aus Bergisch Gladbach und wollte unbedingt auch in Deutschland die Filme anbieten. Zwar hat er mir schon relativ früh von seinem Vorhaben erzählt, aber da ich gerade promoviere, bin ich zunächst nicht weiter darauf eingegangen. Im vergangenen Jahr ist dann ist meine Schwiegermutter gestorben. Sie war lange Zeit dement. Als wir uns ihre Fotos angeschaut haben, wurde mir schmerzlich bewusst, dass wir es versäumt haben, mit ihr über ihr Leben zu sprechen, als sie es noch konnte. Das war der Anstoß, warum ich letztlich bei My Life Films eingestiegen bin.

Wie viele Filme haben Sie bereits produziert?
In England hat My Life Films bereits über 50 individualisierte Filme produziert. In Deutschland sind wir jetzt bei der sechsten Produktion. Aktuell läuft eine Studie der englischen Gesundheitsbehörde im Londoner Südwesten. Sie soll die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen messen, die My Life Films als Service nutzen. Natürlich soll auch untersucht werden, welche finanziellen Entlastungen des Gesundheitssystems zu erwarten sind. Denn wenn Betroffene dank der Filmstimulation nur einige Wochen länger in ihren eigenen vier Wänden wohnen können, kann es sich auf viele Menschen hochgerechnet möglicherweise lohnen.

Der Aufwand für die Familien beschränkt sich auf ihre Zeit, die sie investieren. Keine versteckten Kosten also?
Richtig, das ist uns auch sehr wichtig. Auf die Familien kommen keinerlei Kosten zu. Wir freuen uns natürlich, wenn Familien sagen, dass sie etwas spenden möchten. Aber wenn überhaupt, passiert dies im Anschluss an die Filmproduktion. Der eigene Film ist also immer schon vorfinanziert. Wenn uns jemand unterstützen möchte, wird das Geld für die nächste Produktion verwendet. Anfangs mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten und den Menschen verdeutlichen, dass es sich um ein soziales Projekt handelt, das wirklich kostenfrei ist. Die Skepsis gegenüber kostenlosen Angeboten ist hierzulande enorm hoch, wie wir feststellen mussten. Aber bei uns gilt: jeder Mensch mit Demenz kann, unabhängig von seiner finanziellen Situation, in den Genuss eines solchen Films kommen.


Dafür alles Gute, Frau Iwan.



Kostenfrei zum individuellen Film
Die gemeinnützige Gesellschaft erstellt biografische Filme für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und Pflegenden. My Life Films bietet alle Filme kostenlos an. Jeder Film ist mit Spenden anderer Personen vorfinanziert. Jede neue Spende hilft, den Film für eine weitere Familie mit einem, an Demenz erkrankten, Angehörigen zu ermöglichen. Eine Spende ist aber nicht verpflichtend. Das Angebot beinhaltet einen persönlichen 30-minütigen Film – „Die Lebensgeschichte" – sowie eine fünfminütige vertonte Version für Pflege- und Betreuungspersonal, den sogenannten Kurzfilm. Beide Filme werden von professionellen Filmemachern produziert. Wer Interesse an einem solchen Filmpaket hat, erhält weitere Details unter mylifefilms.de

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