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  • 08.04.2014
  • Bildung

Angehörigenberatung als Schülerprojekt

Aufeinander zugehen

Eine Gruppe von Altenpflegeschülern aus Minden haben im Rahmen eines Praxisprojekts informative Flyer und Webseiten erstellt, um die Beratung und Kommunikation mit Angehörigen von an Demenz erkrankten Bewohnern ein Stück weit zu verbessern.

Wir sind eine Klasse von neugierigen Schülern, die viel hinterfragen, nicht alles so einfach hinnehmen und akzeptieren. Im Fachseminar der Diakonie-Stiftung-Salem für Altenpflege in Minden wird theoretisches Wissen projektorientiert zu vermitteln. Damit ist die Hoffnung verknüpft, dass das Erlernte später in der Praxis leichter angewandt wird.

In unseren Praxiseinsätzen wurde uns viel gezeigt, viel erklärt und so manches erschloss sich uns von selbst. Immer wieder fiel uns aber ein bestimmtes Problem auf – und zwar die Beziehung zwischen den Pflegenden und Angehörigen demenzerkrankter Menschen. Diese gestaltet sich nicht immer einfach, manchmal sogar sehr schwierig.

Die Pflegende fühlen sich, genauso wie die Angehörigen, oft überfordert. Es entstehen Missverständnisse, die auf beiden Seiten für Unmut und Ärger sorgen. Dabei haben beide Parteien das gleiche Ziel: das Wohlbefinden des an Demenz erkrankten Menschen zu fördern und zu erhalten. Hierbei waren sich alle einig. Also warum der ganze Stress? Wir beschlossen innerhalb der Klasse, das Problem der „Beratung der Angehörigen von demenzerkrankten Bewohnern" in einer Projektarbeit genauer unter die Lupe nehmen.


Ein anderer Blickwinkel
Versuchen wir es doch einmal mit einem anderen Blickwinkel: Wie eigentlich geht es den Angehörigen mit der beschriebenen Situation? Die Entscheidung, einen geliebten Menschen in eine Pflegeinrichtung einziehen zu lassen, fällt vielen sehr schwer, oftmals ist es der letzte Ausweg – der letzte Ausweg nach langjähriger Pflege im eigenen Zuhause.

Viele Angehörige vergessen, dass sich auch in einem Heim liebevoll um den an Demenz erkrankten Menschen gekümmert wird. Trotzdem fühlen sie sich oft unverstanden und von den Pflegenden allein gelassen. Nicht selten kommen dann Fragen wie: „Warum läuft meine Mutter noch mit ihrem Nachthemd und einer Strickjacke über den Flur?" Meistens versuchen dann die Angehörigen das Umziehen in Eigenregie durchzuführen. Das gelingt meist nur mit mäßigem Erfolg, denn die Betroffene möchte ihr Nachthemd nunmal gern anbehalten, reagiert aggressiv und ist nun verstimmt. Warum darf sie das Nachthemd nicht anbehalten? Weil „man" so nicht herumläuft? Wer bitteschön ist „man"? Ist die Etikette für den Betroffenen wirklich von Belang? Nein, sie kennen ihren Angehörigen einfach nicht mehr, die gezeigte Verhaltensweise ist für sie fremd und möglicherweise beängstigend. Früher ist der Betroffene nie mit Nachthemd im Haus herumgelaufen, also warum jetzt? Wo ist sein Schamgefühl gegenüber Fremden geblieben?

Deutlich wird: Demenz verändert einen bekannten Menschen. Angehörige müssen lernen, dies zu akzeptieren und das „Anderssein" erst kennenlernen. Hierbei sollten wir, die Pflegenden, sie tatkräftig unterstützen.

Auf einigen Demenzbereichen lassen sich zwar schriftliche Hinweise finden, wie „Meine Tasse ist auch deine Tasse", „Heute mein Bett, morgen dein Bett", „Ich habe mich heute selbstständig angekleidet" – es ließen sich noch viele andere Beispiele aufzeigen, denn ein Mensch mit Demenz kann zwischen mein und dein nicht mehr unterscheiden. Jemand haut vielleicht mit der flachen Hand wiederholt auf den Tisch – es ist seine Art, den eigenen Körper wahrzunehmen. Jemand anderes räumt den Kleiderschrank wiederholt ein und aus. Für uns ist das vielleicht eine unsinnige Tätigkeit, für den Betroffenen aber eine verantwortungsvolle Aufgabe, die ihn anschließend mit Stolz erfüllt, denn er hat etwas selbstständig geschafft. Er war beschäftigt.

Für uns Pflegende ist dies alles Normalität. Für einen Angehörigen aber, der zu Besuch kommt, sind es erschreckende Verhaltensweisen. Was denkt und empfindet er, wenn er die Hinweise liest? Vielleicht macht sich Angst breit oder sogar Schuldgefühle: „Hilfe, wo habe ich meinen geliebten Angehörigen untergebracht, wenn jeder aus seiner Tasse trinken kann?"


Wie fühlen sich Pflegende in dieser Situation?
Einige Kollegen fühlen sich in ihrer Kompetenz angegriffen, wenn Angehörige von an Demenz erkrankten Bewohnern ihnen während einer Verrichtung Anweisungen geben. Wir Pflegende fühlen uns bis aufs Kleinste beobachtet und kontrolliert. So nach dem Motto: Machen wir denn auch alles richtig? Wer gründlich genug sucht, findet bekanntlich immer das obligatorische Haar in der Suppe. Natürlich sind das dann immer Fehler der Pflegenden.

Ja, wir Pflegenden machen Fehler, denn häufig vergessen wir, dass der Betroffene und der Angehörige schon länger zusammen gelebt haben, als wir es aktuell tun. Sie kenne sich, die Gewohnheiten und Macken des anderes sehr genau. Jeder Mensch hat andere Wertvorstellungen, die vielleicht nicht mit unserer übereinstimmt. Trotzdem ist diese nicht automatisch falsch, nur anders.

Die Erwartungshaltung von Angehörigen an Pflegende ist sehr hoch. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Pflegende in den Augen der Angehörigen stellvertretend für viele Berufsbilder stehen, die sie zusätzlich zu ihren pflegerischen Aufgaben erfüllen muss. So wird von Pflegenden erwartet, dass sie sich mit Krankheitsbildern auskennen, dass sie Wunden fachgerecht versorgen können sowie dass sie Konflikte und Streits schlichten. Bei gröberen Verstößen sind sie manchmal sogar Richter. Dies nur, um ein paar Beispiele zu nennen. Wie kann hier Entlastung erfolgen?


Gemeinsam nach Lösungen gesucht
In Gruppen wurde nun nach Lösungen gesucht und es entstanden 6 verschiedene Ansätze – und zwar in Form von Angehörigenkonzepten, Flyern und Internetseiten. Jede Gruppe hat ihren Flyer oder ihre Internetseite individuell gestaltet, aber inhaltlich entstanden viele Übereinstimmungen, ohne dass dies vorher abgesprochen war. Das zeigt wiederum, dass uns alle das gleiche berührt hat und wichtig erscheint.

Wir haben uns im Rahmen des Projekts im Internet nach Literatur umgeschaut, eigenes Schulmaterial genutzt und Fachliteratur gewälzt. Auch die Gespräche mit den Angehörigen selbst gehörten zu unserer Recherche. Denn die Frage, was ihnen bei der Beratung wichtig ist, können nur sie selbst beantworten. Auf diese Art und Weise gelangten wir zu unseren Ergebnissen. Das war ein ganz schön langer Weg. Bevor die Ergebnisse in den Schubladen unserer Tische verschwinden, möchten wir sie gern mit anderen Pflegenden teilen.

Darum stellte sich uns dann die Frage: Wie können diese Ergebnisse in der Praxis Anwendung finden? Eine Möglichkeit wäre, die entstandenen Flyer schon bei dem Erstgespräch den betroffenen Angehörigen eines an Demenz erkrankten Menschen mitzugeben oder auf die erstellten Internetseiten zu verweisen. Oder es könnte ein PC in der Einrichtung zur Verfügung gestellt werden, an dem sich die Angehörigen selbstständig informieren können. Es werden dann nur die relevanten Seiten angezeigt – ähnlich den PCs, die bei der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen und nur Stellenangebote anzeigen.

Wir hoffen, auf diese Weise helfen zu können, Dinge leichter zu machen und die Beratung zu verbessern. Auf der einen Seite möchten wir Pflegenden etwas an die Hand zu geben, damit sie mit den Angehörigen besser zusammenarbeiten können. Auf der anderen Seite möchten wir auch den Angehörigen die Krankheit Demenz etwas näher bringen und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. Das Ziel: Einen Schritt aufeinander zugehen.

Liebe ist ein großer Bestandteil, um das Miteinander zu gestalten. Wir können aber nur Liebe geben, wenn wir in der bestehenden Situation nicht überfordert sind. Das heißt mit anderen Worten: Wir alle gleichermaßen haben die Aufgabe, uns ausreichend um uns selbst zu kümmern und frühzeitig Hilfe einzufordern, bevor wir verkümmern. Wichtig ist dabei, ab und an eine kleine Auszeit zu nehmen, um den nötigen Abstand zu einer Situation zu gewinnen, damit diese nicht außer Kontrolle gerät und wir weiterhin die Pflege mit Herz und gutem Gewissen ausführen können. So erhalten wir vielleicht alle eine andere Sichtweise auf die vorhandene Situation.

Dies braucht und erfordert den Mut, Sorgen und Ängste offen anzusprechen, denn nur dann lässt sich ein gemeinsamer Ausweg für eine schwierige Situation finden. Ein ehrlich gemeintes Wort ist manchmal mehr wert als ein gedachtes leises böse. Aber dies erfordert Vertrauen zwischen Angehörigen und Pflegepersonal, das nur langsam Schritt für Schritt wachsen und aufgebaut werden kann. Es erfordert von beiden Seiten viel Arbeit, Absprachen, Kompromisse und Toleranz.

Das Wesentliche ist doch, dass sich der Mensch mit Demenz wohl fühlt, dass es ihm gut geht und er sich in seiner eigenen Welt zurecht findet. Dafür braucht er Menschen, die für ihn da sind, ihn verstehen, unterstützen und ihn in seiner Krankheit begleiten. Ich möchte zum Abschluss an Gottes Wort erinnern: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst."

 

 

Heike Kessell, Auszubildende zur Altenpflegefachkraft
Fachseminars der Diakonie-Stiftung-Salem in Minden, Ausbildungsbetrieb Haus Abendfrieden der Diakonie in Minden
heikekessell@gmx.de
 

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