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  • 12.03.2015
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Studie

Pflegekräfte im Alter: arm, aber geachtet?

Pflegekräften droht Altersarmut. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Sozialstudie der Hans-Böckler-Stiftung. Die Gründe liegen im hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigungen und untertariflich bezahlten Jobs sowie in der aktuellen Rentenpolitik. Station24 wirft einen Blick auf die Zahlen und beleuchtet, warum besonders Frauen betroffen sind.

 

Der Sozialsektor ist durch eine hohe Teilzeitquote geprägt. Laut einer aktuellen Analyse von Forschern des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung gehen rund zwei Drittel der Beschäftigten in der Altenpflege (67,7 Prozent) und fast jeder zweite in der Krankenpflege (48,7 Prozent) einer reduzierten oder geringfügigen Beschäftigung nach. Die Ärzteschaft weist mit 19,1 Prozent einen vergleichsweise geringen Anteil an Teilzeitbeschäftigten auf. Das hat Auswirkungen auf die spätere soziale Absicherung der jeweiligen Berufsgruppen.

Die kürzlich veröffentlichte Studie untersucht den Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Sozialsektor und deren sozialer Absicherung im Alter. Sie analysiert die Situation dabei insbesondere aus einer geschlechterspezifischen Perspektive, indem sie vier Berufsgruppen - neben Alten- und Krankenpflegerinnen sowie Ärztinnen auch Erzieherinnen - genauer betrachtet und auch den hohen Frauenanteil ausdeutet.

Symptomatisch für viele Wirtschaftsbereiche

Der Grund: „Die Beschäftigungsverhältnisse im Sozialsektor sind symptomatisch für viele Wirtschaftsbereiche. Eine hohe Teilzeitquote, physische und psychische Belastungen, frühe Austritte aus dem Erwerbsleben sowie niedrige Bezahlung finden sich in vielen Bereichen des deutschen Arbeitsmarktes", schreibt Severin Schmidt, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), in seiner Vorbemerkung zu dem Bericht.

Den Sozialsektor präge aber außerdem seine geschlechtsspezifische Ausrichtung: „Es handelt sich in allen Subsektoren um ein traditionelles Segment von Frauen(erwerbs)arbeit und damit zugleich um ein klassisches Segment struktureller Benachteiligung von Frauen", heißt es an anderer Stelle.

Ähnlich sieht das Franz Wagner, Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK): „Bei den Pflegeberufen handelt es sich um einen typischen Frauen- und Sozialberuf. Es gibt eine vergleichsweise geringe Tarifbindung in der Branche, und auch Aspekte der Finanzierung der Einrichtungen durch die Sozialversicherungen tragen dazu bei, dass die Berufsbilder zwar einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert genießen, hinsichtlich des Gehaltsniveaus aber immer noch unterdurchschnittlich abschneiden."

Hoher Stellenwert, niedrige Bezahlung

Die Studie verweist darauf, dass etwa in der Altenpflege  im ambulanten Dienst 87,6 Prozent der Beschäftigten weiblich sind, in der stationären Versorgung 80,5 Prozent. Wie in anderen Bereichen des Sozialsektors seien damit insbesondere Frauen von Teilzeitarbeit oder geringfügiger Beschäftigung betroffen.

Denn die Arbeit in der Pflege sei mit einer Vielzahl von Belastungen verbunden, die sich in Krankschreibungen, Erwerbsminderungen und Frühverrentungen niederschlagen, was eine kontinuierliche Beschäftigung immens erschwere.

„Viele Träger bieten nur Teilzeitstellen an, da das eine flexiblere Einsatzplanung, zum Beispiel im Wochenenddienst erlaubt", so Wagner. Außerdem wählten viele Pflegefachpersonen bewusst ein Teilzeitmodell, weil sie die Belastungen in einer Vollzeitstelle nicht mehr aushielten oder familiäre Verpflichtungen dies nötig machten.

Reformen haben Gefahr der Altersarmut erhöht

Die Autoren des Reports verweisen ihrerseits auf Studien, die eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen seit Einführung der Pflegeversicherung belegen. Hauptgründe seien Personalabbau und der daraus resultierende Zeitdruck sowie verringerte Entscheidungsspielräume und erhöhtes Arbeitsvolumen.

Überhaupt habe sich infolge der rentenpolitischen Reformen und der Arbeitsmarktentwicklung die Gefahr einer künftigen Wiederkehr der Altersarmut erhöht. Denn das sogenannte Drei-Säulen-Modell, welches aus der Alterssicherung über die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV), der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) und der privaten, teils staatlich geförderten Vorsorge, besteht, könne die Sicherung des Lebensstands im Alter nicht gewährleisten.

Dabei dürfe allerdings nicht nur die durch Reformen geschwächte Leistungsfähigkeit der GRV betrachtet werden. Hinzu komme, dass immer mehr Menschen geringere Ansprüche an die Rentenversicherung erwürben. Zusammen hängt das mit veränderten Lebensläufen und einem höheren „Risiko von Mitgliedern jüngerer Kohorten, arbeitslos zu werden, aber auch längeren Bildungszeiten". Zugleich würden Phasen ohne Erwerbsarbeit weniger berücksichtigt.

Keine Zusatzversorgung durch Pflegekammern

„Das Risiko der Altersarmut ist hoch", sagt DBfK-Hauptgeschäftsführer Wagner. „In der Pflege wird es im Unterschied zu Ärzten keine Zusatzversorgung durch die Pflegekammern geben, da das seit Mitte der 1990er Jahre für angestellte Kammermitglieder rechtlich nicht mehr zulässig ist."

Wagner fordert neben mehr Stellen und arbeitsfreundlicheren Arbeitsbedingungen den Ausbau betrieblicher Gesundheitsförderung sowie eine Personalentwicklung auch für ältere Mitarbeiter. Ebenso wichtig sei eine bessere Bezahlung. Denn die Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Selbst wer nach Tarif bezahlt wird, erwirbt mit einer halben Stelle keine hinreichenden Rentenansprüche.

Fachkräfte in der Alten- oder Krankenpflege bekämen mit tariflich bezahlter Vollzeitstelle ein monatliches Einstiegsgehalt von 2.283 Euro. Das durchschnittliche Monatsgehalt auf Basis des Lohnspiegels liegt für Altenpflegekräfte bei 2.056 Euro, für Gesundheits- und Krankenpfleger bei 2.189 Euro, für diplomierte Pflegekräfte bei 2.435 Euro. Demgegenüber beträgt das Durchschnittsentgelt in der Rentenversicherung aktuell 2.905 Euro im Monat.

Gehaltslücke mit Folgen

„Mit Blick auf den Tariflohn kann davon ausgegangen werden, dass die Alterssicherung zwar im Falle langer, stabiler Berufslaufbahnen über die GRV möglich ist. Jedoch ist mit Verweis auf den tatsächlichen Arbeitsumfang der Beschäftigten, die Trägerstruktur und die abnehmende Tarifbindung sowie durch Unterbrechungen des Erwerbslebens beziehungsweise vorzeitige Ausstiege aus der Erwerbstätigkeit eher zu vermuten, dass ein Großteil der Beschäftigten in diesem Bereich des Sozialsektors keine ausreichenden Ansprüche in der GRV aufbauen und keine private Vorsorge betreiben kann", bilanzieren die Studienautoren.

Von den im Pflegedienst der Krankenhäuser im Jahr 2013 insgesamt 382.278 tätigen Mitarbeitern waren 86,9 Prozent Frauen. 49,1 Prozent arbeiten in einer Teilzeit- oder geringfügigen Beschäftigung. Während 53,1 Prozent der Frauen eine reduzierte Arbeitszeit aufweisen, waren es laut Statistischem Bundesamt nur 23,2 Prozent der Männer.

Im Vergleich zu den in der Altenpflege tätigen Menschen verdienen Mitarbeiter in der Krankenpflege aber wie gesehen besser. Zudem unterscheiden sich die Einkommen nach dem Geschlecht: So arbeiten Männer vermehrt als Operationspfleger oder als Anästhesiepfleger, und damit in Bereichen, in denen das durchschnittliche Einkommen am höchsten ist.

Krankenpflege leicht im Vorteil

Im Gegensatz zur Altenpflege sei außerdem der Umfang der Erwerbstätigkeit größer und verliefen die Berufskarrieren stabiler, schreiben die Studienautoren der Hans-Böckler-Stiftung. Dennoch konstatieren sie auch hier atypische Formen der Beschäftigung in großem Maße, insbesondere Teilzeitarbeit, von der wiederum insbesondere die weiblichen Beschäftigten betroffen seien, sowie belastende Arbeitsbedingungen, die dem Aufbau einer ausreichenden individuellen Rente entgegen stünden.

Ähnlich wie in der Altenpflege könne ein Lohn nach Tarifvertrag zwar zu einer guten Alterssicherung beitragen. Die Daten des Lohnspiegels legten aber nahe, dass vielfach Löhne unterhalb des Durchschnitts in der Rentenversicherung gezahlt werden.

Generalistik soll den Druck erhöhen

Längere Berufskarrieren in beiden Pflegeberufen verspricht sich DBfK-Hauptgeschäftsführer Franz Wagner von einer generalistischen Ausbildung. In Kombination mit der zunehmenden Akademisierung bringe diese „eine höhere Flexibilität der Pflegefachpersonen auf dem Arbeitsmarkt. Das wird den Druck auf Arbeitgeber erhöhen, attraktive Arbeitsbedingungen anzubieten."

Zudem müsse die Politik für eine gute Personalausstattung in allen Sektoren sorgen und die Refinanzierung von Personalkosten sicherstellen. Auch die Unterschiede zwischen den Bundesländern bei der Personalbemessung im Bereich der stationären Altenhilfe müssten aufgehoben werden, sagt Wagner.

Solange diese Perspektiven nicht in die Realität umgesetzt werden, wird sich am Risiko der Altersarmut voraussichtlich nichts ändern. Und in die Hoffnungen vor allem weiblicher Pflegekräfte, wenigstens Anerkennung für ihre Arbeit zu bekommen, mischt sich weiterhin ein fader Beigeschmack.

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