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  • 16.03.2015
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Arbeitszeitmodelle

„Die Altenpflege kann bald ganz einpacken"

Flexible Arbeitszeitmodelle für Alleinerziehende gibt es in der Pflege derzeit kaum. Station24 sprach mit Marnie Och über ihren steinigen Weg auf der Suche nach einer geeigneten Stelle. Die alleinerziehende Mutter denkt mittlerweile sogar darüber nach, der Pflege ganz den Rücken zu kehren.

 

Frau Och, Sie haben als Alleinerziehende erst Ihren Job als Krankenschwester in einer Klinik und dann ihre Tätigkeit bei einem ambulanten Pflegedienst aufgeben müssen. Warum?
Die Stelle im Krankenhaus musste ich aufgeben, da es dem Haus zu spät gewesen wäre, wenn ich erst um 8.00 Uhr meinen Dienst hätte antreten können. Argument: Um 8.00 Uhr sei die meiste Pflegearbeit schon getan. Ich solle mich lieber bei den ambulanten Diensten umhören. Sie würden öfter einen späteren Dienstbeginn akzeptieren.

Das habe ich dann auch gemacht und in der ambulanten Pflege angefangen. Dort musste ich allerdings nach 18 Monaten wieder aufhören. Als alleinerziehende Mutter sind für mich an Schultagen keine Spätdienste möglich. Mit Frühdiensten von 8.00 Uhr bis etwa 12.00 Uhr konnte ich nur eine 50-Prozent-Stelle bedienen. Das reicht aber als Alleinverdiener finanziell nicht aus.

Und dann?
Ich begann eine Weiterbildung zur Kodierfachkraft und konnte in einer Klinik in der Nähe arbeiten. Das Glück währte allerdings nicht lange. Nach knapp einem Jahr musste ich auch diesen Job – wegen Mobbings – wieder aufgeben.

Derzeit arbeiten Sie als Vollzeitkraft in einem Seniorenheim. Sind Sie dort glücklicher?
Nein. Vor allem nicht auf fachlicher Ebene. Ich habe zwar eine Vollzeitstelle, worüber ich zunächst dankbar war. Aber da in der Altenpflege konsequenter Personalmangel herrscht, ist es jeden Tag eine neue Herausforderung, die anfallende Arbeit überhaupt zu schaffen. Es bleibt keine Zeit, sich fachlich-qualitativ auszuleben oder persönlich weiterzukommen! So steigt bei allen Beteiligten der Frust.

Wie reagieren Ihre Kollegen und die Heimleitung auf Ihre vermeintliche „Sonderrolle" als alleinerziehende Mutter in der Pflege?
Zuerst waren alle froh über die zusätzliche examinierte Hilfe. Aber nach einigen Monaten ging das Gerede los. Ich bekäme eine Extrawurst. Auch beim Einrichtungsleiter und meiner Pflegedienstleitung stieß ich auf Unverständnis. Rückendeckung Fehlanzeige! Solche „Ab-acht-Uhr-Anstellungen" würde die Leitung nie wieder befürworten. Sie führten nur zu Unmut und Theater unter Kollegen. Das war alles, was ich auf mein Hilfegesuch zur Antwort bekam.

Sie wünschen sich also mehr Verständnis von Arbeitgebern und Kollegen?
Ja. Unbedingt! Ich fange zwar erst später an, dafür gehe ich aber auch später als alle anderen „Frühdienstler". Und ich arbeite genauso hart wie alle anderen! Vor allem hätte ich mir mehr Unterstützung von meinem Vorgesetzten gewünscht. Wenn wir in Zukunft mehr Pflegepersonal haben wollen, müssen wir auch für Eltern flexiblere Arbeitszeiten anbieten. Sonst kann die Altenpflege bald ganz einpacken!

Wie könnte eine solche Hilfe konkret aussehen?
Von der Unternehmensführung müsste ganz klar kommuniziert und reell gelebt werden, dass für mehr Kollegen in der Pflege auch flexiblere Arbeitszeiten notwendig sind! Es ist durchaus möglich, die Arbeitsabläufe und die Zuständigkeiten dementsprechend anzupassen. Aber da sind Heim- und Pflegedienstleitungen oft noch sehr starr und unflexibel.

Was wäre für Sie als Alleinerziehende ein optimales Arbeitszeitmodell in der ambulanten und stationären Pflege?
In der ambulanten Pflege ist das schwierig, da bis spätestens 13.00 Uhr die Frühdiensttouren durch sind und Spätdienst mit Schulkind leider nicht zu machen ist. Da bleibt für das Ausschöpfen einer Vollzeitstelle bis etwa 16.00 Uhr noch Büroarbeit übrig. Die wird aber meist schon von der Pflegedienstleitung und ihrer Vertretung erledigt.

In der stationären Pflege wiederum gibt es rund um die Uhr genug zu tun: Für jede Arbeitszeit sind genügend Aufgaben da. Hier wäre nur eine individuelle Anpassung an die gegebenen Arbeitsprozesse nötig. Das setzt vor allem Flexibilität von Führungskräften und Kollegen voraus!

Haben Sie bei all den Schwierigkeiten hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon einmal darüber nachgedacht, ganz aus der Pflege auszusteigen?
Ja, natürlich. Derzeit bin ich wieder auf der Suche nach einer Stelle als Kodierfachkraft in erreichbarer Nähe. Zudem habe ich ein Fernstudium zur geprüften Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen begonnen, in der Hoffnung, mich wieder selbst weiterentwickeln zu können und einen Job zu Schul- und Bürozeiten zu finden, der wieder Spaß macht!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Pflege?
Ganz klar weniger Festhalten an alteingesessenen Strukturen und mehr Öffnung zur flexibleren Gestaltung von Arbeitsstrukturen und –abläufen. Gerade in heutigen Zeiten der demografischen Entwicklung zu immer mehr alten Menschen und immer mehr Pflegebedürftigkeit sollte die Selbstverständlichkeit von flexibleren Arbeitszeitmodellen als Chance gesehen werden, dieser Entwicklung wirksam zu begegnen. Pflege sollte auf allen Ebenen mit der Zeit gehen!


Frau Och, herzlichen Dank für die offenen Worte.

Das Gespräch führte Johanna Kristen.

 

 

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