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  • 26.05.2015
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Arbeitsmigration in der Pflege

„Es kostet Zeit und Mühe, aber es führt kein Weg daran vorbei"

Die Diakonie Deutschland hat im März ein Strategiepapier und eine Handreichung für Einrichtungsträger zum Thema Arbeitsmigration und Pflege veröffentlicht. Johannes Brandstäter, zuständig für migrationspolitische Grundsatzfragen bei der Diakonie Deutschland, spricht im Interview über die Notwendigkeit solcher interkulturellen Konzepte, eigene Erfahrungen und künftige Entwicklungen.

Herr Brandstäter, warum brauchen Altenhilfe- und Krankenhausträger ein Strategiepapier, um ausländische Pflegekräfte zu rekrutieren?
Die internationale und damit interkulturelle Öffnung der Personalstrategien beschäftigt uns seit zwei bis drei Jahren zunehmend. Angesichts des Fachkräftemangels brauchen wir neue Wege, Fachpersonal zu gewinnen. Die Handreichung gibt Trägern und Einrichtungen praktische Hinweise und Kriterien zur Orientierung in diesem Zusammenhang.

Wie unterstützt die Handreichung dabei konkret?
Wir unterteilen das Dokument in einen strategischen und einen praktischen Part: Eingangs stellen wir drei Annahmen auf, nämlich dass der Anteil von Patienten und Bewohnern mit Migrationshintergrund in den nächsten Jahren in Pflegeheimen und Krankenhäusern stärker zunehmen wird. Hier bringt Pflegepersonal mit internationalem Hintergrund wichtige Erfahrungen für die Gestaltung des Pflegeprozesses ein. Zweitens können Fachkräfte mit internationaler Erfahrung ihre Potenziale als innovative Impulse in die Einrichtung einbringen. Und drittens können internationale diakonische Partnerschaften beispielsweise beim Aufbau von Strukturen der ambulanten und stationären Pflege und Betreuung im Partnerland helfen. Im anschließenden zweiten, praktischen Part geht es um die häufigsten Organisationsfragen und Ausbildungskonzeptionen, die Ausgestaltung von Konzepten zur Gewinnung internationaler Fachkräfte sowie ausländer- und anerkennungsrechtliche Fragen.

Andere Kulturen haben mitunter ein anderes Verständnis von Pflege. Führt das nicht zu Reibungspunkten?
Ich würde nicht von einem anderen Pflegeverständnis sprechen, sondern von unterschiedlichen Pflegekonzepten. Und eine professionelle Altenhilfe gibt es zuweilen noch kaum. Zudem unterscheiden sich die Berufsbilder. Im Kontext der wachsenden Zahl älterer in Deutschland lebender Menschen ausländischer Herkunft sind gute Kenntnisse anderer Sprachen und Kulturen sehr erwünscht. Einrichtungen sollten solche Kenntnisse ihrer Mitarbeiter systematisch erfassen, wertschätzen und für die Pflegebedürftigen nutzbar machen.

Dennoch sind durchaus auch Vorurteile gegenüber ausländischen Pflegenden zu beobachten. Was entgegnen Sie Kritikern?
Vorurteile werden populistisch geschürt und durch eigene Erfahrungen im persönlichen Umfeld in der Regel schnell wiederlegt. Es ist wichtig, interkulturelle Öffnung nicht als Beschäftigung mit „den Fremden" zu verstehen. Wenn kulturelle Diversität zu einem generellen Bestandteil der Unternehmensphilosophie wird, kann die Integration von internationalen Pflegenden gelingen.

Welche Voraussetzungen müssen Pflegende aus anderen Ländern erfüllen, um hierzulande einen Job zu finden?
Grundvoraussetzung sind natürlich geeignete Sprachkenntnisse. In der Regel sollten sie dem Niveau B2 nach den europäischen Richtlinien entsprechen. Gute Deutschkenntnisse und damit eine fachliche und einfühlsame Kommunikation sind in der Pflege unverzichtbar – ebenso wie eine Fachausbildung nach deutschem Recht beziehungsweise die formelle Anerkennung einer ausländischen Ausbildung.

Das hört sich nach zusätzlichem Aufwand für die Einrichtungen an. Schreckt das diese nicht eher ab?
Richtig, es bedarf eines enormen zeitlichen Einsatzes aller Beteiligten, damit die internationalen Pflegenden so gut Deutsch lernen, dass sie als vollwertige Fachpersonen arbeiten können. Manchmal wird ungenügend Wert darauf gelegt, die deutsche Sprache zu vermitteln. Das erschwert die berufliche Integration und sorgt unter Umständen für Frust und Enttäuschung. Unsere Erfahrungen innerhalb der Diakonie zeigen, dass die Suche nach Pflegenden aus Drittstaaten, ihre ergänzenden Qualifikationen sowie der Spracherwerb nur mit öffentlichen Start- und Finanzierungshilfen realisierbar sein werden. Bislang sind nur wenige größere diakonische Träger überhaupt auf diesem Feld aktiv. Doch ich bin sicher dass es mehr werden, denn ein international geöffnetes Diversity-Management der Pflege ist nötig und unausweichlich.

Wie sieht es mit der Anerkennung von im Ausland erworbenen beruflichen Abschlüssen aus?
Für die Anerkennung von Gesundheitsfachberufen ist im jeweiligen Bundesland die Behörde zuständig, die auch deutschen Pflegefachpersonen ihre Berufsanerkennung ausstellt. Rechtsgrundlage sind die jeweiligen Berufsgesetze von Bund und Ländern. Aber auch hier stehen wir noch am Anfang und können noch nicht auf viel Erfahrung zurückblicken. Einrichtungen sollten sich frühzeitig mit ausländer- und anerkennungsrechtlichen Fragen auseinandersetzen. Zum Umgang mit Arbeitsagenturen, Ausländerbehörden und Visumfragen gibt die Handreichung wichtige Hilfestellungen.

 

Modellprojekt Triple Win
Unter dem Schlagwort Tripe Win fördern die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) und die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (giz) eine „nachhaltig ausgerichtete Gewinnung von Pflegekräften" aus vier Ländern im Rahmen eines Modellprojekts. In den Partnerländern Serbien, Bosnien-Herzegowina, Philippinen und Tunesien finden nur wenige Fachkräfte eine Arbeit. Seit 2013 werden deshalb qualifizierte Pflegende aus diesen Ländern für eine Arbeitstätigkeit in Deutschland gewonnen. Ziel war es, bis Ende 2014 insgesamt 2.000 Pflegefachkräfte zu vermitteln. Bis September 2014 waren jedoch nur 130 Fachpersonen eingereist. Der Kostenbeitrag pro vermittelter Person beläuft sich für die Einrichtung auf rund 3.700 Euro.

 

Die Idee, Fachpersonal aus dem Ausland zu akquirieren, ist nicht neu. Warum forcieren Sie solche Personalstrategien jetzt verstärkt?
In erster Linie wollen wir Einrichtungen unterstützen, sich strategisch und organisatorisch besser aufzustellen und integrationsunterstützende Maßnahmen zu entwickeln. Erst im zweiten Schritt geht es dann konkret um die Gewinnung von Fachpersonal. 2013 sind bundesweit nur wenig mehr als hundert Personen aus Drittstaaten zu Ausbildungszwecken für die Pflege angeworben worden. Die Zahlen der 1970er-Jahre, die sich im fünfstelligen Bereich bewegten, werden damit bislang längst nicht erreicht.

Woran liegt das?
Damals wurden die koreanischen, philippinischen und indischen Pflegenden nicht konsequent in die Arbeitsstrukturen hierzulande integriert. Heute sollten wir aus den bisherigen, nicht immer positiven Erfahrungen lernen. In den meisten anderen Ländern ist das Berufsbild der Pflege eher ein halb-medizinischer Beruf, kein praxisbezogener Ausbildungsberuf wie in Deutschland. Hier müssen wir Interessenten gezielt darauf vorbereiten, damit sie eben nicht enttäuscht nach kurzer Zeit wieder das Land verlassen oder von der Altenhilfe in die Krankenpflege abwandern. Ein möglicher Ansatz ist, gezielt Auszubildende anzuwerben. Das vermeidet auch kostspielige Nachqualifizierungen. Insgesamt brauchen wir für eine gelungene Arbeitsmigration einen langen Atem. Es kostet Zeit und Mühe, aber es führt kein Weg daran vorbei.

Wie stehen die Chancen, dass es diesmal erfolgreicher läuft?
Der Pflegeberuf ist von der Bundesregierung als einer jener Berufe eingestuft worden, die mit einem akuten Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Deshalb wurde das Zuwanderungsrecht in diesem Bereich gelockert. Die Vorrangprüfung etwa entfällt. Die Beschäftigungsverordnung ist flexibler geworden, sodass auch Pflegende aus Drittstaaten, beispielsweise aus Syrien oder aus dem Kosovo, einreisen können, ohne einen Asylantrag zu stellen. Das wissen viele leider noch nicht. Ein Jobangebot aus Deutschland öffnet die Türen.

Wie wollen Sie solche Wissenslücken abbauen?
In nächster Zeit sind verschiedene Aktionen geplant. Unter anderem werden wir am 10. September in Hannover allen Interessierten einen Workshop anbieten, der die Handreichung und das Thema Arbeitsmigration insgesamt erläutert. Zudem haben wir unter www.diakonie.de/arbeitsmigration-und-pflege-14349.html eine eigene Internetseite mit weiteren Informationen zum Thema ins Leben gerufen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Brandstäter.

Das Interview führte Nadine Millich.
 

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