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  • 23.09.2015
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Lernen trotz Demenz

Unterschätztes Potenzial

Eine aktuelle Studie belegt, dass die Musikerinnerung auch bei fortgeschrittener Demenz weitgehend erhalten bleibt. Für die Betroffenen bedeutet das, dass sie trotz Erkrankung ein Instrument spielen und Neues lernen können. Einzige Voraussetzung: Sie brauchen eine spezielle Methodik und einen Lehrer, der ihnen etwas zutraut.


Jörn Jacobsen und seine Kollegen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig lokalisierten vor Kurzem erstmals das Musik-Langzeitgedächtnis im menschlichen Hirn. Das liegt nämlich nicht, wie irrtümlich angenommen, im Schläfenlappen (eine Region, die für das Hören zuständig ist), sondern in einem Bereich, der für komplexe Bewegungsabläufe und Auswertungen von Erlebnissen und Erwartungen verantwortlich ist. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass dieses Areal während der fortschreitenden Degeneration einer Demenzerkrankung weitgehend erhalten bleibt.

„Die musikalische Erinnerung", sagt Jörn Jacobsen, der gerade seine Doktorarbeit an der Universität Amsterdam schreibt, „ist oft überraschend gut intakt, während andere Teile des Gehirns schon stark beeinträchtigt sind." Auch in einem fortgeschrittenen Stadium bleibe in der Regel die Musikerinnerung erhalten. Was bedeutet das für die Praxis? Können Demenzerkrankte in einem bestimmten Bereich mehr, als wir uns vorstellen?

Falsche Melodie wird häufig erkannt

Noch steckt die Alzheimerforschung in den Kinderschuhen, aber das, was die Neurowissenschaftler in einem Zeitraum von knapp drei Jahren wissenschaftlich mithilfe von 32 Probanden belegen konnten, ist vielen Musikern und Musiktherapeuten aus der Praxis vertraut. Demenzerkrankte, die ihre Angehörigen nicht mehr erkennen,  können sehr wohl noch ein Instrument spielen und haben ein ausgezeichnetes musikalisches Gehör.

Anke Feierabend, ausgebildete Geigerin und Musikpädagogin, unterrichtet seit einigen Jahren in der Lüneburger Heide Demenzerkrankte im Geigenspiel und auf anderen Instrumenten. „Demenziell veränderte Menschen", sagt die 49-Jährige, „erkennen häufig sofort, wenn eine ihnen bekannte Melodie falsch ist." Das musikalische Langzeitgedächtnis bleibe erhalten und es sei berührend zu erleben, wie die Betroffenen sich über Musik einen Zugang zum Leben erarbeiten.

Sie habe Schüler gehabt, die nach einiger Zeit regelrecht aufgeblüht seien, weil es gelungen ist, mit ihnen bekannte Lieder auf der Geige oder dem Klavier zu spielen. „Wichtig ist", sagt Anke Feierabend, „dass die Teilnehmer nicht an ihren Defiziten gemessen werden, sondern an dem, was ihnen gelingt." Dann hätten sie ein Erfolgserlebnis, das sie selbstbewusst und weniger depressiv mache.

Sie übe mit den Teilnehmern Stücke ein, die in ihrer Biografie eine positive Rolle gespielt hätten. Sie werden nach Gehör gespielt und es entsteht ein musikalisches Miteinander, das reproduzierbar ist. Das sei essenziell,  weil die Betroffenen dadurch das Gefühl erhalten, eine hohe musikalische Kompetenz zu haben und etwas lernen zu können.  Sie würden etwas gemeinsam erarbeiten, was in jeder Stunde wieder abrufbar ist.

„Meiner Erfahrung nach ist das Musizieren mit fast jedem Instrument möglich, sofern der Schüler auf minimale Kenntnisse zurückgreifen kann." „Einmal", so Feierabend, „habe ich eine ältere schwer demenzkranke Dame unterrichtet, die mit mir beim Singen durch den Raum gelaufen ist und plötzlich unerwartet sagte: Ich erkenne meine Kinder nicht mehr." In der Regel würden Demenzerkrankte unterschätzt, man traue ihnen nichts zu, dabei gebe es einen Bereich, in dem sie sehr wohl lernfähig sind. Den gelte es zu entdecken  und zu fördern.

Der Blickwinkel der sogenannten Normalen müsse sich ändern, denn an Demenz erkrankte Menschen seien anders lernfähig als es den meisten Menschen vertraut ist:  Viele würden den Liedtext nicht mehr kennen, wohl aber die Melodie.  

Methodik  für Demenzerkrankte fehlt

Eva-Maria Spalthoff hat an der Universität in Vechta Musikpädagogik und Germanistik studiert. Ihre Großmutter war an Demenz erkrankt. Das und ihr Interesse an instrumentalpädagogischer Forschung motivierte die 31-Jährige in ihrer Doktorarbeit der Frage nachzugehen, ob und unter welchen Bedingungen Demenzerkrankte ohne musikalische Vorbildung das Klavierspiel neu erlernen können.

„Nicht jedes Instrument", sagt Spalthoff, „ist dafür geeignet." Ein Blasinstrument sei schon deshalb schwierig, weil viele hochaltrige Menschen Probleme mit der Atmung hätten. Wichtig sei auch, dass es eine Methodik gebe, die bei den Lernenden Frustrationserlebnisse und Misserfolge vermeide. Die 31-Jährige hatte zu diesem Zweck zwei verschiedene Notensysteme entwickelt, nach denen Demenzerkrankte das Klavierspiel lernen können. Teil des Konzepts ist es auch, angeleitet und frei zu Bildern zu improvisieren.

Mehr als ein Jahr erprobte sie ihre Methodik mit demenzerkrankten Personen in Altenheimen und auch bei Personen, die noch zuhause lebten. Darüber hinaus motivierte sie zwei Klavierlehrer nach ihrer Methode Demenzerkrankte zu unterrichten. „Ich habe das Klavierspiel nicht aus therapeutischen Zwecken angeboten, sondern wollte Musik als Genuss vermitteln", sagt die Musikpädagogin. Sie habe während dieser Zeit gemerkt, dass das Musizieren große Auswirkungen auf die Teilnehmer hatte.

Eine 80-jährige Dame habe beispielsweise beim Lernen große Fortschritte gemacht und sei  in der Lage gewesen, ein kleines Konzert vor einer Gruppe zu geben. Sie habe nicht mehr apathisch gewirkt und sich zunehmend wieder im Alltag eingebracht. „Ihre Lebensqualität hat sich deutlich verbessert." Andere hätten sich insgesamt besser orientieren können und kaum noch depressive Phasen gehabt.

Insgesamt gebe es aber zu wenig methodische Erfahrungen, um demenzerkrankte oder behinderte Menschen instrumental zu unterrichten: „Es ist auffällig, dass Musizierpraktiken mit Demenzerkrankten weitgehend unbekannt sind." Lediglich das Musikhören, Tanzen und Singen werde in Altenheimen und anderen Institutionen angewandt.

Auch Musikschulen beginnen gerade erst, sich auf erwachsene Menschen einzustellen, die mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen leben müssen. „Es wäre notwendig, dass Musikhochschulen sich verstärkt der instrumentalpädagogischen Forschung in diesem Bereich widmen", sagt die Musikpädagogin.

Auch der Neurowissenschaftler Jörn Jacobsen wünscht sich, dass im Bereich Alzheimer weiter geforscht wird. „Wir sind gern bereit, anderen Wissenschaftlern unsere Daten zur Verfügung zu stellen." Und Anke Feierabend würde gern ein Institut gründen, um Musikern und Musiktherapeuten den Umgang mit Demenzerkrankten zu vermitteln.

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