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  • 21.04.2016
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Biografiearbeit

Erinnerungen wecken und Aktivitäten fördern

Gerade bei der Pflege von älteren Patienten und Bewohnern spielt die persönliche Lebensgeschichte dieser Menschen für die Pflegeplanung eine wichtige Rolle. Altenpflegeschüler aus Stralsund haben in einem Kunstwerk-Projekt wichtige Ansätze für die aktivierende Pflege zusammengetragen und sich konkrete Beschäftigungsmöglichkeiten für Pflegeheimbewohner überlegt.

Biografiearbeit ist im Rahmen der Pflegediagnostik und insbesondere der Pflegeanamnese in jedem Pflegeprozess fest verankert (z.B. Fiechter und Meier 1998; WHO 1987; Krohwinkel 1999) und damit täglicher Bestandteil professioneller Pflegearbeit (Wilkinson 2011, 105f.). Biografie ist mehr als die eigene Lebensgeschichte oder der eingereichte Lebenslauf (Oelke 2011, 114). Sie kann als Methode zur Selbstreflexion aufgefasst werden, wobei aus vergangenen (Nicht-)Ereignissen Erkenntnisse für die Gegenwart und künftige Handlungsoptionen eruiert werden können (Miethe 2011, 24). Eine erfolgreiche Biografiearbeit umfasst insbesondere folgende Aspekte:

  • Geburtsdatum und -ort
  • Besondere Ereignisse aus Kindheit, Jugend und Erwachsenendasein
  • Bildungswege, auch gescheiterte Ausbildungs- und Berufswünsche, sowie beruflicher Werdegang
  • getragene Kleidung
  • Freundes- und Liebesbeziehungen – auch jene, die seit Jahren schon nicht mehr existieren
  • Charakteristika der Persönlichkeit (Labilität – Stabilität, Introversion – Extraversion, Offenheit – Konservatismus, Harmonie – Misstrauen, Disziplin - Nachlässigkeit)
  • Vorlieben und Aversionen – insbesondere im Tagesablauf, bei Schlaf und Essen
  • Rituale – sowohl täglich (z.B. Tasse Tee um 15.00 Uhr) und wie wöchentlich (z.B. Sportzeitung am Mittwoch) als auch monatlich (z.B. Hecke schneiden) oder jährlich (z.B. Schwiegermutter am 1. Weihnachtsfeiertag einladen)
  • Resilienzen und Copingstrategien
  • verpasste Lebenschancen, denn diese werden oft jahrzehntelang bereut (Heckhausen 2000, 123 ff.).

Mehr über die Bewohner erfahren
Die zugeschriebene Bedeutung der einzelnen Reminiszenzen ist nicht zeitstabil, sondern kann sich im Laufe der Zeit ändern, jahrelang vergessen sein und dann als Erinnerungsinsel wieder auftauchen. Gelingende Biografiearbeit setzt also grundlegende Kenntnisse der bewohnereigenen Lebensführung voraus. Doch wie können die notwendigen Informationen beschafft werden? Die einfachste und effektivste Antwort lautet: Führen Sie Interviews mit dem Bewohner und/oder seinen Angehörigen. Folgende Fragen können dabei hilfreich sein:

  • Welche Ausbildungen haben Sie in Ihrem Leben absolviert?
  • An welche geschichtlichen Besonderheiten Ihres Lebens erinnern Sie sich?
  • Was hat ihr Leben besonders bestimmt?
  • Welche Wesenszüge (Persönlichkeitsmerkmale) prägen Sie?
  • Was war Ihnen in jungen Jahren wichtig im Leben, was ist Ihnen heute wichtig?
  • Wie haben Sie Niederlagen verarbeitet?
  • Trauern Sie verpassten Lebenschancen nach? Wenn ja, welchen?
  • Wie oft warne Sie in Ihrem Leben wirklich verliebt? Wen lieben Sie noch heute? 

Die Beantwortung der Fragen sollte genügend Verknüpfungsmöglichkeiten für gelingende Biografiearbeit bieten. Dort, wo keine Beantwortung der Fragen möglich ist, kann nur interpretativ vorgegangen werden. Grundtenor ist dabei, dass Verhaltensweisen und Nicht-Verhaltensweisen lebensgeschichtlich geprägt sind. Mit gezielten Beobachtungen können hier Beschäftigungsaktivitäten initiiert und gegebenenfalls verstärkt werden, bei denen der Bewohner mit Freude aktiv ist. In der ambulanten Pflege ermöglicht das direkte Eingebundensein im Lebensbereich der Bewohner eine Rückschau auf beutende Lebensereignisse (z.B. Bilder, Möbel, Lebensmittel, Rituale, Haustiere). Folgende Axiome leiten dabei jede professionelle Biografiearbeit:

  • Die Charakteristika der Persönlichkeit bleiben bis ins hohe Alter und bis in mittelgradige Krankheitszustände erhalten.
  • Der Zugang zur eigenen Biografie stärkt das Selbstwirksamkeitsgefühl.
  • Heutige Verhaltensweisen sind lebensgeschichtlich geprägt und haben ihr Fundament in der Vergangenheit.
  • Jede Biografiearbeit leistet auch etwas für den Forschenden – von Lebenserinnerungen und -erfahrungen kann profitiert werden.
  • Beschäftigungsangebote, die aufgrund biografischer Defizite nicht auf den einzelnen Bewohner ausgerichtet sind, werden meist unzureichend angenommen und verfehlen das Ziel einer ressourcenorientierten, aktivierenden und professionellen Pflege.

Der Höhepunkt jeder Biografiearbeit ist eine Beschäftigungsfrequenz, wobei der Unterschied zur Betreuung die aktiv-ausführende Tätigkeit darstellt und eben nicht in einen passiv-beschäftigten Part mündet. Hauptunterscheidungsmerkmal ist somit die Aktivität der Pflegefachperson: Sie ist in der Beschäftigung anleitend-gering – sie lässt Bilder malen, Geschirr abtrocknen, Wäsche zusammenlegen – und in der Betreuung tagesstrukturierend-hoch – sie liest aus der Tageszeitung vor, spielt Gesellschaftsspiele mit.

Praxisbeispiele
Eine Auswahl besonders gelungener und biografisch abgestimmter Beschäftigungsangebote soll nachfolgend vorgestellt werden. Die Angebote wurden im Rahmen eines Kunstwerkprojekts von Altenpflegeschülern erarbeitet, durchgeführt, evaluiert und im Unterricht niedergeschrieben. Jeder dieser biografischen Beschäftigungen besitzt individuell-aktivierenden Charakter und kann nicht ohne Adaption übernommen werden. Vielmehr soll den Praxiseinrichtungen hiermit ein Repertoire zur Verfügung gestellt werden, wie sich Biografiearbeit konkret und ohne viel Aufwand im Praxisalltag verwirklichen lässt.

Die Kochlöffelblume
Benötigt werden zwei Kochlöffel unterschiedlicher Größe, ein Blumentopf, Steckschaum oder Knetmasse zum Hineinstecken der Kochlöffel, Kunstmoos, Filzpapier oder Tonkarton für die Blütenblätter, Farben zum Bemalen der Kochlöffel, Filzstifte zum Aufmalen eines Gesichts, Bastelkleber sowie Bast zum Verschönern des Blumentopfs. Begonnen wird damit, die Kochlöffel zu bemalen. Während diese trocknen, werden Blüten in der gewünschten Form aus Filz- oder Tonkarton ausgeschnitten und auf den getrockneten Kochlöffel geklebt. Nun der Blume ein Gesicht verpassen und in den mit Steckschaum vorbereiteten Blumentopf stecken, mit Moos bedecken und den Blumentopf mit Bast verzieren.

Geeignet für:
Dieses Kunstwerk ist für alle Bewohner mit funktionierender Motorik in den Händen und leichten kognitiven Einschränkungen geeignet. Auf eventuelle Pausenzeiten und zur Verfügung stehende Getränke sollte geachtet werden.


Blumenstrauß
Bunte Zeichenblätter, Schere, Klebestift, Klebestreifen und Stifte zum Zeichnen werden benötigt. Nachdem dem Bewohner alle Materialien vorgestellt wurden sollte er so viel Gestaltungsfreiheit in Form und Farbe der zu bastelnden Blume bekommen wie möglich. Während der Bastelarbeit den Bewohner nach seinem Wohlbefinden fragen und am Ende des Kunstwerks ein Feedback von ihm einholen.

Geeignet für:
Diese Beschäftigung sollte jeweils nur mit einem Bewohner ausgeführt werden, damit genug Zeit für die Anleitung bleibt. Der Bewohner sollte seine Finger noch gut bewegen können und in der Lage sein, zu sagen, was er möchte. Zudem sollte die Pflegefachkraft klären, welche Tätigkeiten er noch selbstständig ausführen kann.


Teelicht mit Serviettentechnik
Benötigte Materialien: Ein Teelicht, mehrere Servietten mit gewünschten Motiven, Pinsel, Bastelkleber, Heißkleber, Schere sowie ein leeres Glas. Des Weiteren kann man nach Wunsch auch Dekorationen, wie Sand oder Muscheln verwenden, die mit dem Heißkleber am Glas befestigt werden. Man nehme sich das Glas, schneide Motive aus den Servietten und bringe diese Motive mit Bastelkleber auf dem Glas an.

Geeignet für:
Dieses Projekt ist für Bewohner ohne kognitive Einschränkungen geeignet, da die Arbeit mit Heißklebepistole und Schere gewisse Risiken birgt. Diese Aktion eignet sich auch gut zur Trauerbewältigung.


Ein Bild in Stücken
Für dieses Projekt wird nur verschiedenfarbiges Papier sowie Klebstoff benötigt. Entweder nimmt man verschiedenfarbiges Papier und reißt dieses klein oder verarbeitet dieses weiter zu kleinen Kugeln, was für einen hübschen 3-D-Effekt sorgt. Der Pflegebedürftige hat nun eine Auswahl von Papierfetzen oder Papierkugeln in einer Vielzahl von Farben vor sich und kann damit entsprechend ein Motiv kleben. Nach Abschluss ist ein Lob angebracht, um ein gutes Gefühl zu hinterlassen.

Geeignet für:
Es handelt sich um ein „Reißbild", von daher ist es für alle geeignet, die gut greifen, kleben und positionieren können.



Mariposa
Es handelt sich um einen Schmetterling, der folgende Materialien benötigt: Klebestift, Schere, verschiedenfarbiges Papier, verschiedene Schablonen, einen Schmetterling, acht kleine Kreise und eine oval-förmige Schablone, die auf den Rücken des Schmetterlings passt. In der Umsetzung müssen die Schablonen auf die verschiedenfarbigen Blätter aufgezeichnet, mit der Schere ausgeschnitten und aufgeklebt werden.

Geeignet für:
Dieses Projekt ist für jene geeignet, die mit einer Schere und einem Klebestift umgehen können. Es regt die Feinmotorik an und fördert die Konzentration. Wichtig ist auch, den Bewohner genau zu beobachten, um zu erkennen, wie sein Empfinden in dieser Situation gerade ist, sodass gezielt reagiert werden kann. Die Zeit die benötigt wird, um den Schmetterling zu basteln, variiert von Person zu Person. Um den Pflegebedürftigen zu motivieren, sollte er sich für die Art des Kunstwerks interessieren.


Seidenmalerei
Für die Gestaltung mit Seidenmalerei werden Seidenmalfarben, Pinsel, Seidentücher, Bügeleisen, Zeitungen und ein Rahmen zum Spannen des Tuchs benötigt. Der Tisch sollte mit Zeitungen oder einer abwaschbaren Unterlage ausgelegt werden. Zu Beginn spannt man das Seidentuch auf den Rahmen und kann mit der individuellen Gestaltung beginnen. Dazu werden diverse Pinsel und facettenreiche Farben benötigt. Nachdem das Tuch dann nach eigenen Wünschen gestaltet wurde, sollte man es mindestens eine Stunde zum Trocknen aufhängen. Abschließend muss das Seidentuch gebügelt werden, um eine Konservierung der Farben zu gewährleisten.

Geeignet für:
Diese Art von Kunstwerk ist besonders für Frauen geeignet und kann auch gut in kleineren Gruppen gemeinsam realisiert werden. Die Gestaltung erfordert eine gewisse Feinmotorik der Hände.



Bunte Loombänder
Man benötigt mehrere bunte Loom-Gummibänder, eine Häkelnadel und eine Palette zum Spannen der Bänder. Zur Durchführung spannt man mehrere Gummis auf die Palette und Verknüpft diese miteinander. Dies macht man so lange, bis es um das Handgelenk passt. Dann verbindet man die Enden mit einem kleinen Haken. Gut geeignet auch für Erinnerungshilfen oder als Ausdruck der Verbundenheit.

Geeignet für:
Man sollte geschickte Hände haben und kreativ sein.



Literatur:
Heckhausen, Jutta (2000): Wo hängen die süßen Trauben? Entwicklungs- und motivationspsychologische Überlegungen zur Funktionalität des Bereuens. In: Psychologische Rundschau, 51, 123-134
Miethe, Ingried (2011): Biographiearbeit. Lehr- und Handbuch für Studium und Praxis. Weinheim: Juventa 
Oelke, Ute (2010): In guten Händen. Band 2. Gesundheits- und Krankenpflege. Berlin: Cornelsen
Wilkinson, Judith (2011): Das Pflegeprozess-Lehrbuch. Göttingen: Hogrefe
 

Autorenteam:
René Reck, Pflegewissenschaftler und Philosoph sowie derzeitiger Lehrer an der Beruflichen Schule Stralsund, und die Auszubildenden des zweiten Lehrjahrs in der Altenpflege an der Beruflichen Schule Stralsund.
 

René Reck
Berufliche Schule Stralsund
Lilienthalstraße 5a
18437 Stralsund
reck@bs-stralsund.de


 

 

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