Passwort vergessen
  • 16.10.2013
  • Praxis

Gießener Sterbestudie 2013

„Die Ampel steht auf rot!”

50 Prozent der Deutschen sterben in Krankenhäusern. Die Versorgung von Sterbenden ist häufig defizitär, wie die Gießener Sterbestudie 2013 zeigt. Station24 sprach mit Studienleiter Professor Wolfgang George über Hintergründe und Ergebnisse.

Herr Professor George, was sind die Schwachstellen bei der Versorgung von sterbenden Patienten im Krankenhaus?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass Ärzte und Pflegende bemüht sind, Sterbenden einen würdevollen Tod zu ermöglichen. Dennoch gibt es in der Tat verschiedene Problemfelder. Auffällig war zum Beispiel, dass 34 Prozent aller befragten Ärzte und Pflegende angaben, sich nur selten oder nie Zeit für die Betreuung Sterbender nehmen zu können. Gar 46 Prozent äußerten, dass das Pflegepersonal zur Sterbebetreuung nicht genug Zeit hat. Das ist natürlich ein äußerst problematischer Befund! Auch die räumliche Situation bleibt in Kliniken für eine angemessene Versorgung zurück. Über die Hälfte der Befragten können diese nur mit „ausreichend" oder „mangelhaft" bewerten.
 

Wo sehen Sie weitere Defizite?

Die Ausbildung ist ein sehr großes Manko. Bei den Medizinern ist die Situation richtig mies -  Hier steht die Ampel eindeutig auf rot! Pflegende stehen etwas besser da, allerdings auf niedrigem Niveau. Die Angehörigenintegration ist eine weitere Schwierigkeit. Es werden weder angemessene Besuchszeiten noch die Möglichkeit angeboten, dass sich Familienmitglieder in die Pflege des Sterbenden einbringen. Was mich zudem beunruhigt hat, war das Ergebnis, dass knapp die Hälfte der Studienteilnehmer glaubte, dass lebensverlängernde Maßnahmen unnötig ergriffen werden.
 


Gießener Sterbestudie 2013

Die Gießener Sterbestudie 2013 untersuchte die Sterbebedingungen in deutschen Krankenhäusern. An ihr beteiligten sich 212 Kliniken. Das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit war es, anhand eines etwa 40 Items umfassenden Fragebogen eine psycho-soziale und pflegerisch medizinische Ausgangslage zu bestimmen, um schließlich die Versorgungsqualität von Sterbenden zu beurteilen. Bei der aktuellen Sterbestudie handelt es sich um eine Neuauflage der bereits 1988 durchgeführten „Ersten Gießener Sterbestudie" von Professor Wolfgang George. 


 

Ist die Situation in den unterschiedlichen Kliniken gleich schlecht?

Bei den frei-gemeinnützigen Häusern existieren die besseren räumlichen Bedingungen und es gibt einen respektvolleren Umgang mit den Verstorbenen. In den großen Kliniken der Maximalversorgung haben Mitarbeiter tendenziell zu wenig Zeit für die Sterbebegleitung.
 

Gibt es weitere Einflussfaktoren?

Ja, beispielsweise die Stationsart. Die Ressourcen sind auf der Allgemeinstation am stärksten und im onkologischen Bereich am wenigsten begrenzt. Dort werden auch Arbeitsklima, Wertschätzung und Kommunikation am besten bewertet. Auf der Intensivstation sind all die erwähnten Defizite am stärksten ausgeprägt. Hier stehen eher medizinisch-therapeutische als betreuerische Schwerpunkte im Vordergrund.


Wer geht mit den angesprochenen Problemen besser um – Ärzte oder Pflegende?

Es sind ganz klar die Ärzte, die am schlechtesten vorbereitet sind! Pflegende sind hier etwas weiter. Auffällig war, dass weibliche Mitarbeiter - Ärztinnen und Krankenpflegerinnen - für die Bedürfnisse der Schwerstkranken und deren Angehörigen mehr Empathie aufbrachten als ihre männlichen Kollegen.


Welche Botschaft möchten Sie den Pflegenden auf Grundlage der Studienergebnisse mit auf den Weg geben?

Eine zentrale Rolle kommt sicherlich den Pflegedirektoren und Pflegedienstleitungen zu. Ein respektvoller Umgang mit Verstorbenen muss Teil der Unternehmensphilosophie sein! Das mit Leben zu füllen, ist eine wichtige Führungsaufgabe! Dem müssen sich auch untere Hierarchieebenen bis hin zur normalen Pflegekraft auf der Station bewusst sein.


Bereits vor 25 Jahren haben Sie die Sterbebedingungen in Krankenhäusern wissenschaftlich in der ersten „Gießener Sterbestudie" untersucht. Was hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verbessert und wo besteht weiterhin Handlungsbedarf?

Insgesamt ist es schon zu Verbesserungen gekommen wie etwa in der Angehörigenintegration und der Schmerztherapie. Es gab allerdings auch mehrere Felder, die sich verschlechtert haben. Beispielsweise die Frage nach der Häufigkeit unnötig lebensverlängernder Eingriffe und die Frage nach einem würdevollen Sterben. Zusammenfassend kann man sagen, dass in den vergangenen 25 Jahren in nahezu allen Bereichen der psycho-sozialen und medizinisch-pflegerischen Erfordernissen eine Verbesserung stattgefunden hat. Jedoch bleibt das erreichte Niveau problematisch und verbesserungswürdig!

 


Wolfgang George ist Leiter des TransMit-Zentrums für Versorgungsforschung und Beratung. Er ist Geschäftsführer des Medizinischen Seminar George und Honorarprofessor an der Technischen Hochschule Mittelhessen. 1978 absolvierte der diplomierte und promovierte Psychologe eine Ausbildung zum Krankenpfleger in Gießen. Zu den aktuellen Arbeitsschwerpunkten des Organisationswissenschaftlers zählen neben der Analyse der Sterbebedingungen in Krankenhäusern auf internationaler Ebene unter anderem die Integration von Patienten und Angehörigen sowie die regionale Gesundheitsversorgung. 


 

Seit annähernd 30 Jahren beschäftigen Sie sich mit diesem Thema. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen?

Als gelernter Krankenpfleger habe ich mich für dieses Thema schon immer interessiert. Einen wesentlichen Einfluss hatte zudem die leider bereits verstorbene Pflegehistorikerin Hilde Steppe, die mich auf den dringenden Handlungsbedarf in diesem Feld hingewiesen hatte. Und sie hatte ja auch Recht. Mehr als die Hälfte der Menschen sterben in Krankenhäusern. 60 Prozent von  diesen sind inzwischen älter als 75 Jahre. Allein dieser Sachverhalt rechtfertigt eine genauere Beschreibung der medizinisch-pflegerischen und psycho-sozialen Sterbebedingungen.
 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Folgearbeiten entstehen, um die speziellen Problemlagen zu benennen und abzustellen. Auch die Medizin- und Pflege-Nachwuchskräfte müssen für den Umgang mit dem Tod stärker sensibilisiert und praktisch angeleitet werden. Sie müssen zum Freund des Sterbenden werden!


Herr Professor George, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute!


Das Interview führten Stephan Lücke und Johanna Kristen.

 

Autor

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN