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  • 05.06.2014
  • Management

Interview

„Eine Scheindebatte"

Die Pläne der Politik, eine generalistische Pflegeausbildung mit einer Spezialisierung im letzten Lehrjahr einzuführen, laufen ins Leere, argumentiert Gertrud Stöcker, Mitglied im Vorstand des DBfK.

Frau Stöcker, der Pflegebeauftragte der Bundesregierung verspricht die baldige Einführung der generalistischen Pflegeausbildung. Wie optimistisch sind Sie, dass diese kommt?
Ich bin sehr zuversichtlich aufgrund der Signale aus dem Bundesgesundheitsministerium, dass  die Pflegeausbildung reformiert wird. Ich hoffe aber, dass es wirklich zu einer generalistischen Ausbildung kommt, also eine gemeinsame Ausbildung von Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflegern. Die Debatte läuft doch sehr stark durcheinander.

Inwiefern?
Es sind im Grunde drei Strukturformen der Ausbildung in der Pflege zu unterscheiden: Die generalistische, die integrierte und die integrative. Derzeit haben wir am Beispiel der Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege einen Ausbildungsgang, der sich im 3. Ausbildungsjahr - theoretisch und praktisch - differenziert in die angestrebte Berufsausrichtung und mit zwei Berufsbezeichnungen abschließt. Neben dieser integrierten Strukturform der Ausbildung ist die integrative Strukturform so zu verstehen, das zwei, drei oder weitere eigenständige Ausbildungsgänge im Ablauf des theoretischen Teils der Ausbildungen organisatorisch zusammengelegt und mit jeweils spezifischen Berufsabschlüssen abgeschlossen werden. Die Altenpflegeausbildung nach geltendem Recht dagegen ist in Theorie und Praxis eine eigenständige Ausbildung mit entsprechendem Ausbildungsbildungsabschluss. Alle Strukturformen führen zur Heilberufszulassung.

Was heißt nun generalistische Ausbildung?
Generalistische Ausbildung in der Pflege heißt, dass es einen Ausbildungsgang gibt, ohne Vertiefung, ohne Schwerpunkt oder Spezialisierung,  der zum Ausbildungsabschluss und zu einer Berufsbezeichnung im Sinne europäischer Vorgaben in der allgemeinen Pflege führt.

Der Politik schwebt eher vor, eine generalistische Ausbildung einzuführen, bei der dann Schwerpunkte gesetzt werden sollen auf die Bereiche Gesundheits- und Kranken-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege.
Die Diskussion um eine Schwerpunktbildung in der Pflegeausbildung ist eine Scheindebatte. Bereits heute gibt es verpflichtende Inhalte in der theoretischen und praktischen Ausbildung der Gesundheits- und Krankenpflegepflege aus den Bereichen Pädiatrie, Psychiatrie und Geriatrie.

Müssen umgekehrt auch Schüler und Schülerinnen der Altenpflege praktische Einsätze in der Krankenpflege absolvieren?
Ja. Allerdings ist der größte Teil der praktischen Ausbildung in Einrichtungen des praktischen Ausbildungsträgers zu absolvieren, und das sind im Regelfall Pflegeheime. Damit verengt der Altenpflegeschüler seine beruflichen Möglichkeiten auf die stationäre Altenpflege.

Welche Vorteile bietet die generalistische Ausbildung?
Die Generalistik schafft für die Pflegefachpersonen eine Qualifizierung in der Breite horizontaler und vertikaler Handlungsfelder sowie lebenslange Karriereoptionen. Sie eröffnet Möglichkeiten der Weiterbildung und der Spezialisierung bis hin zum Masterabschluss oder der Promotion. Diese Wege finden sich bei allen personenbezogenen Dienstleistungen. Nur so bleibt die Pflege ein attraktives Arbeitsgebiet, nur so ist es möglich, Pflegefachpersonen zu gewinnen und dauerhaft zu binden. Und vor allem: Eine moderne patientenorientierte Pflege verlangt nach einer dem aktuellen Stand von Pflegewissenschaft und Technik angepassten Ausbildung der Pflegefachpersonen.

Haben Sie Verständnis für die Skepsis der Altenpflege, die fürchtet, dabei unter die Räder zu kommen?
Aus Sicht der Träger, also der Arbeitgeber, kann ich die Skepsis in gewisser Weise nachvollziehen. Vermisst wird eine auf die Funktionalität der jeweiligen Gesundheitseinrichtung ausgerichtete Ausbildungsorganisation, berufliche Sozialisation und Personalbindung. Einzustellen hat man sich auf einen Wettbewerb um ausreichendes und qualifiziertes Personal. Aus Sicht vieler Berufsangehörigen wird die generalistisch angestrebte Erstausbildung begrüßt.

In der Altenpflege gibt es aber auch unter den Beschäftigten großen Widerstand gegen die Generalistik.
Hier werden Identitäten beschworen, die es doch längst nicht mehr gibt.  Fakt ist: Pflege als Beruf wird sich weiterentwickeln! Es können deutliche Profilveränderungen wahrgenommen werden, ausgelöst durch einen veränderten Versorgungsbedarf, aber auch durch Veränderungen des beruflichen Selbstverständnisses und immer engmaschiger gelenkt durch politische Richtungsentscheidungen in Deutschland und Europa. Diesen Weg sollten alle Pflegefachpersonen gemeinsam angehen. Geschuldet sind wir dies dem pflegerischen Nachwuchs, damit deren Berufswahl nicht in die Sackgasse führt.  Das gilt ebenso für die zu pflegenden Menschen. Sie haben einen Anspruch auf innovativ erstellte pflegerische und medizinische Versorgungskonzepte. Das gilt vor allem, wenn Patientensicherheit und Versorgungsqualität ernstgenommen werden soll.

Was nutzt den Patienten und Pflegebedürftigen die Generalistik?
Da sind wir genau bei dem Punkt der Identitäten. Heute arbeiten Altenpflegerinnen auf Stationen in Krankenhäusern und Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen in Altenheimen. Bei der Besetzung von Arbeitsplätzen wird kaum noch darauf geachtet, ob ein Bewerber dafür wirklich qualifiziert ist. Ausschlaggebend ist in der Regel, dass eine pflegerische Ausbildung vorliegt. Was soll dann noch die traditionelle Dreiteilung von Pflegeausbildungen? Es stände auch an, das unter ökonomischen Gesichtspunkten zu prüfen.

Sie sprechen sich für die Ausbildung an höheren Berufsfachschulen aus. Erteilen Sie damit Forderungen nach einer Akademisierung der Pflege, also der Ausbildung an Fachhochschulen und Universitäten eine Absage?
Nein. Die Verortung der Pflegeausbildung an Höheren Berufsfachschulen nach Landesrecht garantiert Normalität der Bildungsstrukturen bis hin zur Lehrerbildung, Aufhebung des Sonderweges pflegeberuflicher Ausbildung, selbstverständliche Durchlässigkeit in alle Bildungsbereiche – ohne Umwege und ohne finanziellen und zeitlichen Mehraufwand bis hin zur gesellschaftlichen Gleichbehandlung der Lernenden und Lehrenden. Regelangebote der Pflegeausbildung sollen parallel an Berufsfachschulen und Hochschulen erfolgen. Der Trend zur Erstausbildung über ein Studium lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Entwicklung ist eindeutig: Die Zahl der grundständigen Studiengängen in der Pflege wächst, mittlerweile bieten in Deutschland über 40 Hochschulen ein solches Studium an.

Das heißt künftig, eine Ausbildung in der Pflege kann nur machen, wer Abitur hat?
Nein. Der Zugang zur pflegerischen Erstausbildung mit Zulassung zu einem Heilberuf soll durchlässig nach jedem Schulabschluss möglich sein, also mit dem qualifizierten Hauptschulabschluss der Mittleren Reife, der Fachhochschulreife und dem Abitur. Das wiederum schließt nicht aus einen Mindeststandard allgemeiner Schulbildung festzusetzen, so zum Beispiel zwölf Jahre. Entsprechend sind Zugänge über zuführende Qualifizierungen, wie eine Ausbildung in der Gesundheits- und Pflegeassistenz, verbunden mit einem zugleich höheren allgemeinen Schulabschluss, zu schaffen oder gleichwertige Bildungsabschlüsse, so z. B. eine Berufsausbildung,  äquivalent auf die geforderte allgemeine Schulbildung anzurechnen.

Weshalb sollen Pflegekräfte Abitur haben?
Zum einen wird die Nachfrage nach qualifizierten Pflegefachpersonen steigen, weil auch in den Pflegeheimen und Krankenhäusern das Qualitätsbewusstsein steigt. Zum anderen werden junge Menschen sich künftige Karriereoptionen offenhalten wollen und deshalb den Weg über die Hochschulausbildung wählen. Schon heute können sich die Hochschulen vor Bewerbern , wenn auch unterschiedlich an den Standorten, für Studiengänge in der Pflege nicht retten.

Frau Stöcker, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Dr. Stephan Balling.

 

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