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  • 10.07.2014
  • Management

Exklusivreport

Station24 bei Claus Fussek


Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Pflegekritiker, setzt sich seit mehr als drei Jahrzehnten unermüdlich für die Belange alter und hilfsbedürftiger Menschen ein. Station24 hat den streitbaren Sozialarbeiter exklusiv in München besucht.

Was für ein Chaos! – das ist der erste Gedanke, der sich einem aufdrängt, wenn man das Büro von Claus Fussek betritt. Auf dem Schreibtisch türmen sich Unmengen von Schriftverkehr, Zeitungsartikel, Briefe und Zeitschriften, die Regalwände sind vollgestopft mit Dutzenden von Aktenordnern. An den Wänden, wo noch etwas Platz ist, hängen Bilder vom mittlerweile verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt, Fanartikel vom Fußballverein 1860 München und Seniorenporträts in Schwarz-weiß.

„Treten Sie ein – willkommen in meinem Pflegebüro", sagt ein freundlicher, gut gelaunter Claus Fussek. „Schauen Sie sich ruhig um – hier finden Sie 50.000 Hilferufe und Schicksale aus dem bundesdeutschen Pflegealltag, die sich in den vergangenen 25 Jahren angesammelt haben."

Jeden Tag Anrufe, Briefe, Faxe, Mails
Kaum hat uns der aus Zeitungen und Fernsehen bekannte Pflegekritiker Kaffee eingeschenkt, klingelt das Telefon. „Herr Fussek, ich muss Sie unbedingt sprechen!", sagt eine aufgeregt klingende Stimme am anderen Ende der Leitung. „Vorsicht, ich stelle auf laut, wenn es Sie nicht stört – ich habe Pflegejournalisten zu Gast", sagt Fussek. „Tun Sie das, vielleicht können die ja was ändern", erwidert die Frau am Telefon. Empört berichtet die engagierte Betreuerin einer hilflosen Heimbewohnerin, dass die Pflegenden „vor und nach und rückwärts" dokumentieren, Trinkprotokolle fälschen, sich nicht richtig kümmern. „Ich bin mit meinem Latein am Ende", sagt die Frau, „aber ich gebe nicht auf!" – „Nein, das müssen Sie auch nicht", beruhigt Fussek mit locker und entspannter Stimme. „Wir werden sehen, was sich tun lässt."

Zwei Minuten später klingelt das Telefon erneut. „Fussek, Grüß Gott?" – „Ach Herr Fussek, gut, dass ich Sie erreiche", sagt eine weitere Betroffene. Auch sie willigt ein, das Gespräch auf laut zu schalten. „Wie oft darf mein Mann zur Toilette gehen?", will die Frau wissen. Laut Pflegende würde zweimal pro Schicht reichen. Außerdem trage er ja eine Vorlage. „Konfrontieren Sie die Mitarbeiter", sagt Fussek mit ernstem Ton. „Natürlich hat Ihr Gatte das Recht, so oft auf die Toilette zu gehen, wie er will. Aber da werden Sie sich sicher einig werden. Wenn nicht, melden Sie sich wieder bei mir." – „Danke, Herr Fussek, vielen Dank, dass Sie einem zuhören", so die Stimme am Telefon. Fussek legt auf und trinkt einen Schluck Kaffee. Er bietet uns – passend zu München – eine Brezn an. „Sehen Sie", sagt Fussek. „So läuft das hier Tag für Tag, jeden Tag Anrufe, Briefe, Mails und Faxe – seit vielen Jahren geht das nun schon so."

Claus Fussek – geboren 1953, verheiratet, zwei Söhne – setzt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit viel Engagement, Mut und Tatkraft für die Interessen und Belange behinderter, alter und pflegebedürftiger Menschen ein. Hauptberuflich ist Fussek seit 1978 als Sozialpädagoge im Münchner ambulanten Beratungs- und Pflegedienst „Vereinigung Integrationsförderung" tätig, der sozial Benachteiligte mit verschiedenen Dienstleistungen unterstützt.

Öffentlichkeitsarbeit war von Beginn an eine von Fusseks Aufgaben. „Mit der Presse konnte ich immer schon gut umgehen", sagt Fussek mit süffisantem Grinsen, „denn ich habe immer gesagt, was ich denke – und Reporter schätzen es, wenn einer Klartext redet". Durch die Pressearbeit kamen über die Jahre immer mehr Anfragen von Hilfesuchenden – anfangs meistens Menschen, die mit der Pflege eines Angehörigen überfordert oder mit der pflegerischen Versorgung ihres Familienmitglieds im Heim unzufrieden waren. Um sich selbst vor Ort ein Bild zu machen, besuchte Fussek zahlreiche Pflegeheime und wurde schnell Zeuge zahlreicher Missstände. „Unter anderem musste ich mit ansehen, wie hilflose Menschen mit einem Zahlenschloss an ihren Rollstuhl festgebunden waren. Furchtbar."

Ein Tag im April 1997 änderte alles
Der Tag, der Fusseks Leben endgültig veränderte, war der 27. April 1997. Bei einer Pressekonferenz im Münchner Rathaus deckte er unhaltbare Zustände in stationären Pflegeeinrichtungen auf. Die Folge: Fast alle Münchner Zeitungen berichteten tagelang über das Thema auf ihren Titelseiten – der Skandal wurde zum Stadtgespräch. „Ab diesem Zeitpunkt war nichts wie zuvor", sagt Fussek. „Seitdem erreichen mich täglich Dutzende von Briefen, Anrufen, Faxe und Mails. Zwei Drittel der Hilferufe kommen von vollkommen verzweifelten Pflegekräften – und die meisten wollen leider anonym bleiben. Die unerklärliche Angst, die die meisten Pflegenden umtreibt, ist ein großes Problem. Dabei ist ein angst- und mobbingfreies Arbeitsklima die Grundlage eines guten Pflegeheims."

Fussek ist für sein besonderes Engagement mehrfach ausgezeichnet worden, etwa 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz. Die Bezirksmedaille des Bezirks Oberbayern gab er 2001 jedoch wieder zurück, weil sich die Situation in der Pflege nicht gebessert habe. „Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit sind mir sehr wichtig", so Fussek. „Viel wichtiger als diese albernen Auszeichnungen."

An die Wand genagelt
Nicht für alle ist Fussek der „Engel der Alten": Viele sehen in ihm einen Demagogen und Polemiker, der die gesamte Pflegebranche diffamiert und unter Generalverdacht stellt. So eröffneten 28 Heimbetreiber aus dem Allgäu vor einigen Jahren eine regelrechte Hetzjagd auf den mutmaßlichen „Nestbeschmutzer der Pflegeeinrichtungen": Eigentlich sollte Fussek in Sonthofen im Oberallgäu einen Vortrag halten. Doch nun riefen 28 Heimbetreiber aus dem Allgäu sämtliche Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige zu einer Gegendemo auf. „Als Profilneurotiker benutzt Fussek Fernsehen und Rundfunk, um durch einige Missstände in Heimen alle Einrichtungen über den berühmten Kamm zu scheren", hieß es im Flugblatt aus dem Allgäu. Und weiter: „Wir brauchen keinen Engel der Senioren – wir sind stark und fähig, unsere Arbeit selbst zu meistern."

Häme und Anfeindungen ist Fussek in seinem Kampf gegen Missstände in Pflegeheimen seit langem gewohnt gewesen, und gerade Heimbetreiber zählten seit jeher nicht gerade zu den Fussek-Anhängern – doch nun fühlte sich Fussek von der Pflegebranche regelrecht an die Wand genagelt. „Das war wirklich eine harte Zeit", sagt Fussek. „Als Nestbeschmutzer galt ich ja schon lange, aber Hass in diesem Ausmaß war völlig neu für mich. Gott sei Dank hatte ich gute Freunde, die zu mir gehalten haben."

Den Teufelskreis durchbrechen
Auch nach mehr als 30 Jahren Berufstätigkeit und sozialen Engagements, ist Fussek heute – mit 61 – keineswegs müde geworden, sich leidenschaftlich und kämpferisch für die Interessen hilfsbedürftiger Personen einzusetzen. „Es bedrückt mich sehr", sagt Fussek nachdenklich, „dass Politik, Verbände, Funktionäre und der Berufsstand Pflege es in drei Jahrzehnten nicht geschafft haben, einen Sozialpädagogen aus München überflüssig zu machen." Seit 30 Jahren kollabiere die Pflege, und es werde immer schlimmer. „Trotzdem", so Fussek, „sind die Einrichtungen auf dem Papier besser als je zuvor – Bestnoten überall."

Es wüssten doch alle Bescheid, welcher Irrsinn in der Pflege ablaufe. „Vom Koch über die Ärzte und Pflegekräfte bis hin zum Bestatter – fast alle machen mit, fast alle schweigen, viele verdienen ihr Geld in dem System", konstatiert Fussek. „Die guten Noten in der Pflege sind doch nur dazu da, damit die Republik gut schlafen kann."

Menschen sollten endlich den Mut aufbringen, den „Teufelskreis" zu durchbrechen. Denn: „Pflegekräfte sind keine Opfer, sie sind Täter – wenn sie schweigen und mitmachen." Fusseks Überzeugung nach müssten drei Dinge passieren:
1) mehr Ehrlichkeit aller Akteure des Systems,
2) Solidarität unter allen, die in der Pflege Verantwortung tragen,
3) Pflege müsse ehrlich dokumentiert werden.

Bisweilen sieht Fussek Lichtblicke am Horizont: „Kürzlich besuchte ich eine Pflegeeinrichtung am Bodensee", erzählt Fussek. „Die Art und Weise, wie in diesem Heim – trotz der Rahmenbedingungen – eine Philosophie der Achtsamkeit gelebt wird, die nicht nur die Bedürfnisse von den Bewohnern im Blick hat, sondern auch all jener, die in dem Haus arbeiten, hat mich sehr beeindruckt. Vor Begeisterung hatte ich Tränen in den Augen."

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