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  • 27.08.2014
  • Management

Projekt „Älter werden im Beruf"

Die Rente kann warten

 

In einem neuen Gruppenprogramm der Universitätsklinik Heidelberg lernen Pflegende über 50, mit Belastungen des Arbeitsalltags besser umzugehen. Das Ziel: Mitarbeiter sollen bis zur Rente motiviert und gesund im Job bleiben.

Lilo Rippberger ist mit fast 40 Berufsjahren wahrlich ein alter Hase in der Pflege. 1975 begann die 57-Jährige ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester an der Universitätsklinik Heidelberg. Seitdem ist sie dem Haus treu geblieben. Seit mehr als 20 Jahren ist die sympathische Frau mit den mittellangen braunen Haaren als Stationsleiterin tätig und verantwortet heute die Bereiche Neurologie und Allgemeinpädiatrie sowie die Tagesklinik der Heidelberger Kinderklinik. „Organisiert habe ich schon immer gerne", sagt Rippberger lächelnd. „Deswegen hat es mir auch immer viel Spaß gemacht, Teams zu führen und die Pflegepraxis als Stationsschwester voranzubringen."

„Schaffe ich es bis zur Rente?"
Trotz aller Begeisterung für den Job gibt die berufserfahrene Leitungskraft zu, in den vergangenen Jahren immer häufiger an eigene Grenzen geraten zu sein. „Phasen mit krankheitsbedingten Ausfällen haben in meinem Team bei einer steigenden Arbeitsbelastung immer mehr zugenommen", berichtet Rippberger. „Und trotzdem muss der Betrieb stets weitergehen. Zudem müssen Mitarbeiter kontinuierlich motiviert sowie die hohen Erwartungen der Patienten und Angehörigen erfüllt werden – das ist nicht immer ganz einfach."

Im Herbst vergangenen Jahres wurde Rippberger von der Pflegedienstleitung ihrer Klinik gefragt, ob sie Interesse habe, am neu konzipierten Gruppenprogramm „Älter werden im Beruf" teilzunehmen. Ziel dieses Projekts sei es, ältere Pflegende zufrieden und leistungsfähig im Beruf zu halten. „Da ich mich in den vergangenen Monaten immer öfter gefragt habe, ob ich meine Aufgaben bis zur Rente gut erfüllen kann, habe ich sofort zugesagt", so Rippberger.

Hintergrund des vom Kompetenzzentrum „Prävention psychischer und psychosomatischer Störungen in der Arbeits- und Ausbildungswelt" und von der baden-württembergischen Landesregierung geförderten Gruppenprogramms: Pflegende werden in Deutschland aufgrund der schwächeren Jahrgänge künftig rar. Trotzdem besteht in den nächsten Jahren ein erhöhter Bedarf an Pflege. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass 2021 rund 112000 Pflegende in Deutschland fehlen werden. Gleichzeitig zeigen europäische Studien: Mitarbeiter in der Pflege ab 45 Jahren klagen über eine nachlassende Leistungsfähigkeit und scheiden deshalb oft vorzeitig aus dem Job aus. Als Begründung geben sie an, dass ihre körperlichen Kräfte, geistigen Fähigkeiten und die allgemeine Belastbarkeit nachlassen.

Im Gruppenprogramm „Älter werden im Beruf", das an drei Uniklinika – Heidelberg, Ulm, Düsseldorf – durchgeführt wird und die Betreuung von insgesamt 14 Gruppen vorsieht, lernen die Teilnehmer, sich mit ihrer eigenen Berufsbiografie auseinanderzusetzen, Schwächen und Stärken zu identifizieren sowie mit gezielten Übungen zu entspannen.

Ein echtes Aha-Erlebnis
Rippberger hat das Programm von Oktober 2013 bis Januar 2014 gemeinsam mit elf weiteren Kollegen des Uniklinikums Heidelberg durchlaufen. In sieben wöchentlichen Sitzungen zu je zwei Stunden haben sich die Teilnehmer intensiv mit ihren Werdegängen beschäftigt und belastende Faktoren des Alltags – beruflich wie privat – reflektiert.

„Sehr hilfreich fand ich, dass wir mithilfe der Dozenten Probleme und Veränderungswünsche formuliert und zu Papier bringen konnten", sagt Rippberger. „Da kamen bestimmte Dinge hoch, die mich sehr belastet haben, denen ich mir aber nicht wirklich bewusst war – beispielsweise die häufig mangelnde Teilnahme meiner Mitarbeiter an Teambesprechungen oder – im privaten Bereich – die pflegerische und hauswirtschaftliche Versorgung meiner Mutter."

Mithilfe der Dozenten, Psychologen und einem Arzt der Inneren Medizin, der die Kurse in Heidelberg koordiniert und organisiert, hat Rippberger alltagsnah und individuelle Lösungswege erarbeiten können – darunter auch pragmatische Strategien, die zu einer großen Entlastung führten: „Beispielsweise wurde mir klar, dass ich mir gerade im privaten Bereich mehr Freiräume schaffen muss. So werde ich mir die Pflege meiner Mutter und meiner Tante künftig mit anderen Familienmitgliedern aufteilen und die Unterstützung einer Reinigungskraft in Anspruch nehmen." Rippbergers Ziel künftig lautet: ein Wochenende im Monat denkt sie ganz an sich und tut das, was ihr Spaß macht.

Ein echtes Aha-Erlebnis war für Rippberger und die anderen Teilnehmer auch die Erkenntnis, dass ältere und jüngere Pflegende sich einander ergänzen und voneinander lernen können – wenn sie sich darauf einlassen. „Jeder Mitarbeiter – ob älter oder jünger – ist eine wichtige Ressource im Team", so Rippberger. „Das muss man sich nur immer wieder bewusst machen."

Vorruhestand kein Thema mehr
Noch im vergangenen Jahr hat sich Rippberger wegen den steigenden Belastungen in Job und Privatleben ernsthafte Gedanken gemacht, in den Vorruhestand zu gehen. Das ist heute kein Thema mehr. Rippberger: „Im Kurs habe ich gelernt, mir schwierige Situationen und deren Ursachen deutlich zu machen und gezielt Lösungsstrategien zu entwickeln. Hilfreich ist es, schriftlich festzuhalten, was das Problem ist und wie das konkrete Ziel aussieht."

2015 feiert Rippberger ihr 40. Berufsjahr. Die Heidelbergerin ist sich sicher, auch noch die 45 „vollzumachen": „Mit 63 Jahren kann ich in Rente gehen. Das sind noch fünf Jahre – und ich bin mir sicher, dass ich das gut schaffen werde. Meine Pläne hinsichtlich einer vorzeitigen Rente habe ich jedenfalls ad acta gelegt."

 

 

 

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