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  • 06.03.2015
  • Praxis

Studie zum Nachtdienst

Verdi fordert 8 Milliarden Euro für die Pflege in den Krankenhäusern

Deutschlands Kliniken haben ein Pflegeproblem mit „gefährlichen Versorgungslücken" während der Nacht, allerdings spiegelt sich das nicht in allen Häusern gleich wider. Besonders drastisch erscheint dabei die Situation in der Intensivpflege. Das zeigt der jüngste „Nachtdienstcheck" der Gewerkschaft Verdi.

 

In der Nacht zum Freitag (6. März) hat Verdi bundesweit in 237 Krankenhäusern Pflegekräfte befragt. „Wir haben öffentliche, kirchliche und private Klinken besucht. Mit dem Nachtdienstcheck haben wir mehr als elf Prozent der Kliniken erreicht, die 27 Prozent aller Patienten in Deutschland behandeln", teilte Verdi mit. Die Studie ist anonym, so dass Namen von einzelnen Häusern nicht genannt werden. „Es gab eine große Bereitschaft, sich uns mitzuteilen", berichtete Verdi-Bundesvorstandmitglied Sylvia Bühler. Unterschiede anhand der einzelnen Trägergruppen seien den vorläufigen Ergebnissen zufolge nicht feststellbar gewesen.

„Das schlechteste Betreuungsverhältnis wiesen zwei Stationen mit jeweils 68 zu versorgenden Patienten auf. Diese wurden jeweils von zwei Fachkräften betreut", sagte Bühler. In 55,8 Prozent der 2.056 Stationen habe eine Fachkraft alleine gearbeitet und musste im Durchschnitt 25 Personen versorgen. Auf 20 Stationen wurde die Fachkraft durch eine Auszubildende unterstützt, auf 33 durch eine Hilfskraft. „Wir fanden fünf Stationen, auf denen eine Hilfskraft allein ohne Fachkraft die Patienten versorgte", heißt es in dem Verdi-Bericht. Die Gewerkschaft fordert, dass auf einer Station immer mindestens zwei Pflegefachkräfte tätig sein sollen. Immerhin: Auf keiner Station fanden die Arbeitnehmervertreter ein Pflegefachperson in Ausbildung alleine tätig.

Mehr als 55 Prozent der Befragten erklärten, sie könnten oft bis manchmal eine erforderliche Leistung nicht erbringen. „Das weißt eindeutig auf eine zu dünne Personaldecke hin, welche die Beschäftigten in eine ständige Überforderung bringt und sie kontinuierlich unter Stress setzt", so die Verdi-Vertreter. „Erschreckend waren die ehrlichen Rückmeldungen der Beschäftigten, die mit knapp 60 Prozent aufzeigten, dass gefährliche Situationen in den vergangenen Wochen durch mehr Personal hätten verhindert werden können (Ja: 58,68%, Nein: 41,32%)."

Bei der Händedesinfektion gibt es nur in einer Minderheit der Kliniken ein Problem. 28,3 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass im Nachtdienst die Händedesinfektion vernachlässigt werde, weil der Arbeitsdruck zu hoch sei. Aus Sicht von Verdi-Vorstand Bühler ist dies aber immer noch eine viel zu hohe Zahl. Sie wies außerdem darauf hin, dass „massenhaft gegen Gesundheitsvorschriften verstoßen" werde, weil mehr als drei Viertel der Befragten angegeben hätten, in der zurückliegenden Nachtschicht nicht in der Lage gewesen seien, eine ungestörte Pause zu einzulegen.

Besonders schlecht beurteilen die befragten Pflegekräfte offenkundig die Situation in der Intensivpflege: Demnach wird nur auf 7,9 Prozent der 419 besuchten Stationen der Fachstandard eingehalten, also für zwei Patienten mindestens eine Pflegefachperson vorgehalten. „Auf 65,2 Prozent hat eine Pflegekraft drei und mehr Patienten zu betreuen, auf 33,7 Prozent sogar vier oder mehr Patienten." Auf 42 Intensivstationen habe sich eine Fachkraft um sechs und mehr Patienten kümmern müssen. Im Durchschnitt aller Intensivstationen betreue eine Fachkraft 3,3 Patienten. Verdi verweist darauf, dass die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin für Intensivstationen pro Schicht eine Pflegekraft für zwei Patienten empfehle. Die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege fordere für beatmete Patienten in allen Schichten eine Betreuung im Verhältnis eins zu eins.

„Von einer Nachtwache kann man überhaupt nicht mehr sprechen", sagte Bühler. Sie sieht „dringlichen Handlungsbedarf", zumal zunehmend tagsüber anfallende Arbeiten in die Nachtschichten verlagert würden. Hinzu komme, dass wegen der geringeren Liegezeiten kaum mehr „pflegeleichte" Patienten auf den Stationen lägen. Bühler sagte, sie sei in der Nacht selbst auf den Stationen unterwegs gewesen und habe „dramatische Berichte" gehört, etwa von älteren Patienten, die nicht ausreichend mit Essen und Trinken versorgt werden könnten oder von Patienten, die zu lange in ihren Ausscheidungen hätten liegen müssen sowie über Fehler bei der Medikamentenvergabe. Unterm Strich hätten knapp 57 Prozent der Befragten angegeben, ihre Arbeit nie oder nur selten in der erforderlichen Qualität erbringen zu können. 87 Prozent der Beschäftigen hätten angegeben, dass in ihrem Bereich mindestens eine Vollkraft fehle.

Verdi verweist darauf, dass sich die Arbeit im Nachdienst in den zurückliegenden Jahren erheblich verändert habe. „Während früher allenfalls Infusionen gewechselt werden mussten und Vitalzeichenkontrollen anfielen, gibt es heute eine Vielzahl von Aufgaben, die nachts erledigt werden müssen: Stellen von Medikamenten, Legen von venösen Zugängen, Katheterwechsel oder spezielle Wundbehandlung. OP-Säle und Aufwachräume werden z.T. rund um die Uhr betrieben, MRTs werden bis spät am Abend durchgeführt."

Bühler wies auch auf die international schwache Position Deutschlands hin: Hierzulande sei im Schnitt eine Pflegekraft für 10,3 Patienten verantwortlich, in den Niederlanden seien es lediglich 4,9 und in Norwegen sogar nur 3,8. Verdi hatte bereits in einer Studie vor zwei Jahren beklagt, dass bundesweit in den Kliniken 162.000 Beschäftigte fehlten, 70.000 allein in der Pflege. Um diese Lücke zu schließen, sind laut Bühler 8 Milliarden Euro pro Jahr nötig, das seien 0,7 zusätzliche Prozentpunkte beim Beitragssatz der Gesetzlichen Krankenversicherung. In ihren Eckpunkten zur Krankenhausreform sieht die Bund-Länder-AG für drei Jahre lediglich 660 Millionen Euro vor – im Schnitt kann damit laut Verdi gerade eine zusätzliche Pflegefachperson pro Klinik finanziert werden.

„Außerdem können trotz Pflegeförderprogramm Kliniken weiter Personal abbauen, um Kosten zu reduzieren", beklagte Bühler. Verdi fordere deshalb als Sofortprogramm, dass die Pflegepersonalregelung (PPR) der 1990er Jahre wieder zur Anwendung kommen solle, ein Verfahren zur Ermittlung des Personalbedarfs. Die im Eckpunktepapier vorgesehene Expertenkommission müsse den Auftrag erhalten, für alle Berufsgruppen im Krankenhaus ein System zur Personalbemessung zu entwickeln. Das verhindere bisher vor allem die CDU/CSU, „weil man meint, das Management wisse am besten, wie viel Personal man brauche". Tatsache sei jedoch, „dass es seit Einführung der Fallpauschalen einen regelrechten Wettbewerb um möglichst wenig Personal für immer mehr Leistungen" gebe, erklärte Bühler.

Die Gewerkschafterin sieht den Gesetzgeber in der Pflicht. „Wir wollen die Verantwortung nicht haben zu entscheiden, wie viel Pflegekräfte man pro Patienten braucht." Weil die Politik aber nicht handle, mache man die Frage trotzdem zum Thema in Tarifverhandlungen. In den laufenden Tarifverhandlungen mit dem Helios-Konzern etwa erhebt Verdi die Forderung „keine Schicht allein", also eine Mindestbesetzung von zwei Beschäftigten in der Nacht und am Wochenende. Die Antwort der Helios-Führung laute allerdings: Wenn die Politik meine, dass es zu wenig Personal gebe, müsse sie Vorgaben machen. „Dieses Schwarze-Peter-Spiel muss aufhören", forderte Bühler.

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