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  • 19.07.2016
  • Praxis

Studie zu Demenz im Allgemeinkrankenhaus

"Es ist ein Teufelskreislauf"

Patienten mit kognitiven Einschränkungen stellen Kliniken vor große Herausforderungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die erstmals repräsentative Daten zu diesem Thema liefert. Wir sprachen mit der wissenschaftlichen Leiterin der Studie, Prof. Dr. Martina Schäufele, über die Ergebnisse und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.

Frau Professorin Schäufele, mit der von der Robert Bosch Stiftung geförderten Studie liegen erstmals repräsentative Daten zu Anzahl, Verteilung und Versorgungsbedarf von stationären Patienten mit kognitiven Störungen vor. Wie sieht die Situation konkret aus?
Insgesamt wächst die Anzahl älterer Patienten, die neben einer akuten Erkrankung auch die Nebendiagnose Demenz aufweisen. In unserer Studie zeigten sich bei 40 Prozent aller über 65-jährigen Patienten kognitive Störungen verschiedener Art und unterschiedlicher Schwere. Bei rund 20 Prozent konnte eine Demenz festgestellt werden. Frühere Studien haben zwar bereits belegt, dass ältere Menschen mit Demenz ein weit höheres Risiko haben, in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden als Gleichaltrige ohne Demenz. Zu ihrer Anzahl gab es aber bisher keine belastbaren Daten. Zudem wird die komorbide Demenz häufig überhaupt nicht diagnostiziert, sondern lediglich die Primärerkrankung, die es akut zu behandeln gilt. Die wenigsten Patienten kommen wegen einer Demenz in die Klinik.


Über die Studie

Für die Querschnittstudie „Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Prävalenz und Versorgungssituation" haben Forscher der Hochschule Mannheim und der Psychiatrischen Klinik des Klinikums rechts der Isar Technische Universität München über zwei Jahre rund 1.500 Patienten untersucht und die Versorgungssituation in über 30 Krankenhäusern in Baden-Württemberg und Bayern beurteilt. Obwohl nur zwei Bundesländer berücksichtigt wurden, gehen die Forscher davon aus, dass die Studie repräsentativ ist, da es kaum Hinweise darauf gebe, dass sich die Demenzprävalenz zwischen den Bundesländern unterscheide. 
 

Die Robert Bosch Stiftung förderte die Studie. Außerdem unterstützt sie bei der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten, die gezielt auf die Bedürfnisse von Patienten mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus eingehen. Ein entsprechendes Förderprogramm startet im Oktober bereits zum dritten Mal und geht über dreieinhalb Jahre. 
 

www.bosch-stiftung.de



Wie ist die Betreuungssituation in den Kliniken?
Wir haben nur selten speziell geschultes Pflegepersonal oder spezielle Betreuungsangebote in den Kliniken vorgefunden. Interventionsformen bei an Demenz Erkrankten sind größtenteils nicht bekannt. Die große Zahl an Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen stellt Kliniken deshalb vor eine erhebliche Herausforderung. Weder das pflegerische noch das medizinische Personal ist darauf ausreichend vorbereitet.

Inwiefern?
Je schwerer die Patienten kognitiv beeinträchtigt sind, desto höher ist auch der Betreuungsaufwand im Vergleich zu kognitiv nicht eingeschränkten Personen mit vergleichbaren primären Erkrankungen. Die betroffene Patientengruppe hat ein höheres Risiko für Komplikationen wie Delire, längere Liegezeiten oder Mangelernährung. Für Menschen mit Demenz gleicht ein Krankenhausaufenthalt einer Krisensituation, die zu einer drastischen Verschlechterung ihres Allgemeinzustands führen kann und die Wahrscheinlichkeit für nachfolgende Pflegeheimaufenthalte deutlich erhöht. Zudem zeigten rund 75 Prozent neben kognitiven Beeinträchtigungen zusätzliche Verhaltenssymptome wie nächtliche Unruhe, Umtriebigkeit und Aggressivität. Das erschwert den Umgang mit diesen Patienten. Besorgniserregend ist, dass viele Pflegende mit großem Unbehagen feststellen müssen, dass sie weder Zeit haben noch über spezielle Qualifikationen verfügen, um diese Patienten adäquat versorgen zu können. Das belastet die Pflegenden, wie die im Rahmen der Studie geführten Interviews mit knapp 600 Pflegenden offenbart haben.

Woran liegt es, dass die Kliniken so schlecht auf diese Patientengruppe vorbereitet sind, obwohl schon seit längerem bekannt ist, dass die Herausforderung auf die Häuser zukommt?
Die meisten befragten Pflegenden können sich nicht vorstellen, unter den gegebenen Rahmenbedingungen aus Zeitdruck und Personalmangel an der derzeitigen Versorgungsqualität etwas ändern zu können. Aufgrund der bereits erwähnten fehlenden Schulungen können etwaige Wissenslücken auch nicht geschlossen werden. Es ist quasi ein Teufelskreislauf. Entsprechende Fortbildungen zu Demenz fehlen in den meisten Fällen und selbst wenn diese angeboten werden, sind sie nicht verpflichtend. Pflichtveranstaltungen gibt es eher zu hygienischen Aspekten. In diesem Bereich lastet auf den Klinikmitarbeitern ein ganz anderer Druck, was dazu führt, dass für Demenzfortbildungen keine Ressourcen mehr übrig bleiben.

Könnte eine generalistische Pflegeausbildung Ihrer Meinung nach an diesem Wissensdefizit etwas ändern?
Die fachlichen Wissenslücken liegen sicherlich teilweise in der Ausbildung begründet. Der Umgang mit Demenz kommt dort viel zu kurz. Das trifft vor allem auf die grundständige Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege zu. Doch auch aus der Altenpflege weiß ich, dass die psychischen Alterserkrankungen zu oberflächlich behandelt werden. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern eine generalistische Pflegeausbildung hier tatsächlich Abhilfe schaffen könnte. Lösungen – vor allem kurz- und mittelfristige – liegen in anderen Bereichen.

Können Sie Beispiele für Lösungen nennen?
Das Bewusstsein für die Problematik ist vorhanden. Jetzt kommt es vor allem darauf an, vorhandene Ressourcen klug zu bündeln und sich auf bestimmte Bereiche zu fokussieren. Unsere Studie hat gezeigt, dass vor allem in der Inneren Medizin und Unfallchirurgie Patienten mit kognitiven Störungen liegen. Deshalb sollten spezielle Interventionen sinnvoll innerhalb dieser Brennpunkte implementiert werden und nicht nach dem Gießkannenprinzip über alle Stationen eines Krankenhauses, das macht wenig Sinn. Wie das allerdings in den einzelnen Häusern umgesetzt werden kann, ist eine entscheidende organisatorische Frage, die bislang noch nicht systematisch angegangen und untersucht wurde. Wichtig ist dabei sicherlich, sich klinikintern und auch mit anderen Einrichtungen auszutauschen. Kollegiale Fallbesprechungen und -beratungen oder Supervisionen sind ebenfalls sinnvoll. Für ein derartiges vernetztes Miteinander muss noch stärker eine Kultur geschaffen werden. Allerdings gibt es bereits einige Best-Practice-Beispiele, die zeigen, dass unter den gegebenen Umständen durchaus eine gute und auch wirtschaftliche Versorgung von Patienten mit kognitiven Einschränkungen möglich ist.

Die Robert Bosch Stiftung fördert aktuell bereits zwölf Krankenhäuser, die solche vorbildlichen Konzepte für Patienten mit Demenz umsetzen. Was zeichnet diese Projekte konkret aus?
Jede der Kliniken hat einen Weg gefunden, wie sie die Versorgung von Patienten mit Begleitdiagnose Demenz verbessern kann. So gibt es beispielsweise eine Klinik, die eine Spezialstation für Patienten mit einer Demenz aufgebaut hat. Ein anderes Haus setzt zusätzlich Altenpflegekräfte ein, die während der gesamten Dauer des Klinikaufenthalts den an Demenz erkrankten Patienten begleiten. Eine hausinterne Untersuchung hat hier gezeigt, dass Delirraten gesenkt, Verweildauern verkürzt und damit Kosten eingespart werden konnten, die auch den Einsatz der Altenpflegekräfte amortisierten. Allerdings erhalten Modellprojekte in der Regel zusätzliche Mittel. Die Umsetzung in eine Routineversorgung ist dann noch einmal eine völlig andere Frage.

Ihre Studie hat auch gezeigt, dass bei zwei Dritteln der an Demenz erkrankten Patienten die Diagnose zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme nicht bekannt ist. Wie können Menschen mit kognitiven Erkrankungen früher und besser erkannt werden?
Dafür gibt es unterschiedliche Ansätze. So helfen die bereits angesprochenen Fort- und Weiterbildungen, um zu sensibilisieren und Risikopatienten, die besonders intensiver Betreuung und Pflege bedürfen, identifizieren zu können. Auch gemeinsame Fallbesprechungen sind sinnvoll. Kurze Screeningtests bei der Aufnahme älterer Patienten mit Orientierungsfragen etwa nach Name, Uhrzeit oder Datum sind eine weitere Möglichkeit. Auch wenn sie nicht 100-prozentig aussagekräftig sind, helfen solche Tests dennoch, potenzielle Risiken oder Auffälligkeiten zu erkennen.

Welche Konsequenzen müssen nun insgesamt aus den Studienergebnissen gezogen werden?
Die Problematik ist bekannt. Wichtig ist, immer wieder darauf aufmerksam zu machen und auch Möglichkeiten aufzuzeigen, wie eine adäquate Versorgung gelingen kann. Dafür muss man an verschiedenen Ebenen ansetzen. Neben einer frühzeitigen Erkennung kognitiver Störungen und der Schaffung bestimmter räumlicher Milieus für diese Patienten ist es sinnvoll, Pflegende, die möglicherweise schon Erfahrung haben im Umgang mit Demenz, auf die entsprechenden Stationen zu delegieren. Erfolgreich ist das aber nur mit flankierenden Schulungen. Den Personalschlüssel zumindest in den Brennpunkten anzuheben, ist ein weiterer Punkt, der angegangen werden muss.

Wie lassen sich solche Ansätze und auch bessere Betreuungsangebote gut in den Krankenhausalltag integrieren?
Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist das tatsächlich schwierig. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass sich bald etwas ändern wird.

Warum?
Das Bundesgesundheitsministerium ist derzeit dabei, mit dem Pflegestellenförderprogramm für spezielle Patientengruppen Abhilfe zu schaffen und erweiterte DRG für diese Patientengruppen in Betracht zu ziehen. Eine Expertenkommission prüft in den nächsten Jahren, welche Gruppen dafür infrage kommen. Ich hoffe sehr, dass unsere Studienergebnisse dazu beitragen, dass Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen dabei berücksichtigt werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Professorin Schäufele. 

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