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Quer gedacht und quer gesessen

Erfahrungen mit dem "CrossSeat®"

Die Anwendung des CrossSeat© in Kombination mit ThoraXsafe ©
Die Anwendung des CrossSeat© in Kombination mit ThoraXsafe ©

Die (Früh-)Mobilisation, auch von beatmeten Intensivpatient*innen, hat in den letzten Jahren im klinischen Alltag immer mehr an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig gibt es auf deutschen Intensivstationen Unterschiede in der Durchführung und Handhabung. Es gibt zahlreiche Hilfsmittel, die ohne großen Aufwand als Unterstützung bei der Umsetzung dienen können, wie beispielsweise sogenannte Querbettsessel. 

Eine Immobilität führt zu nachhaltigen physischen und psychokognitiven Nachteilen von Intensivpatient*innen. Dazu gehören Haut- und Weichteilschäden, eine Atrophie der Skelettmuskulatur, eine Reduktion der hämodynamischen Reagibilität und Delir. Diese Nebenwirkungen werden zusammenfassend als generelle Dekonditionierung beschrieben (1). Darüber hinaus bewirkt eine Immobilität, auch von beatmeten Patient*innen, eine verlängerte Liegedauer auf der Intensivstation, einen längeren Krankenhausaufenthalt sowie eine Erhöhung der Behandlungskosten (2). Um dem entgegenzuwirken empfehlen Leitlinien, wie die S2e Leitlinie Lagerungstherapie und Frühmobilisation, ein interprofessionelles und protokollbasiertes Vorgehen mit einem individuellen Stufenkonzept (3). Es gibt keine international einheitliche Definition der Frühmobilisation. Gemäß der S2e Leitlinie beschreibt eine Mobilisation Maßnahmen an Patient*innen, die passive oder aktive Bewegungsübungen einleiten und/oder unterstützen. Diese haben das Ziel, die Bewegungsfähigkeit zu fördern und/oder zu erhalten. Eine „Lagerung“ der Patient*innen hingegen bedeutet die Veränderung von Körperpositionen mit dem Ziel, die Einwirkung auf schwerkraftbedingte Effekte zu minimieren. Wir empfehlen den Begriff Positionierung bevorzugt gegenüber dem Begriff Lagerung zu verwenden. Zudem kann eine Positionierung von einer Mobilisation abgegrenzt werden. Als (Früh-)Mobilisation im Sinne der deutschen Leitlinie wird der Beginn der Mobilisation, auch von beatmeten Patient*innen, innerhalb von 72 h nach Aufnahme auf die Intensivstation verstanden (4). Eine Mobilisation gilt als sicher. Die Inzidenz potenzieller Sicherheitsereignisse ist gering, Ereignisse mit ernsthaften Konsequenzen für Patient*innen, wie z.B. eine akzidentielle Extubation, treten selten auf (5). Die Verwendung eines stationsspezifischen Stufenkonzepts führt insgesamt zu einer besseren Versorgungsqualität. Dazu soll der mögliche individuelle Mobilisationsgrad der Patient*innen, z.B. mit der ICU-Mobility Scale, eingeschätzt werden (6, 7). Hierunter fällt auch der passive Transfer in den Stuhl und ein Sitzen an der Bettkante. Auf manchen Intensivstationen zeigt sich dabei, dass gerade bei beatmeten Patient*innen oftmals noch ein Hemmnis besteht, diese aktiven Mobilisationen durchzuführen. Neben Sicherheitsbedenken sind es häufig auch fehlende Hilfsmittel, die für die jeweiligen Situationen sachgerecht und personalschonend eingesetzt werden können. Ferner sollten diese Hilfsmittel leicht zu reinigen, gut transportierbar und langlebig sein. Ein seit vielen Jahren in unterschiedlichen Variationen eingesetztes Hilfsmittel ist der sogenannte Querbettsitz, der sowohl industriell gefertigt erhältlich ist, aber auch mancherorts als Eigenherstellung zur Anwendung kommt.

Testung eines Konzeptes zur (Früh-)mobilisation beatmeter Patienten*innen

Der CrossSeat® wurde während des Masterstudiengangs Pflege der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW) im Rahmen eines Change-Projektes getestet. Das Hauptprojekt umfasste die Implementierung eines Frühmobilisationskonzeptes für beatmete Intensivpatient*innen. Zur Unterstützung der Implementierung der Frühmobilisation beatmeter Patient*innen sollte als zusätzliches Hilfsmittel ein Querbettsessel eingeführt werden. Es wurde sich aufgrund der Produktspezifikationen (aufblasbar, platzsparend, hygienisch und abwaschbar) für den CrossSeat® (Fa. Heintel, Österreich bzw. Fa. TapMed/Vertriebspartner in Deutschland) entschieden. Ziel des Projektes war die Förderung der Frühmobilisation beatmeter Patient*innen auf einer Intensivstation in Bremerhaven. Hier bestand Optimierungsbedarf, da zuvor beatmete Patient*innen nicht regelhaft aus dem Bett oder an die Bettkante mobilisiert wurden. Aus Beobachtungen und Gesprächen mit den Pflegenden vor Ort stellte sich heraus, dass nach ihrer Auffassung die Mobilisation ein zu hohes Potential für Gefährdungen darstelle. Insbesondere wurde der Umstand der Beatmung als Hinderungsgrund angesehen. Als weitere Gründe wurden fehlende Routinen und Erfahrungswerte bzgl. der (Früh-)Mobilisation von beatmeten Patient*innen angegeben. Diese negativen Erwartungen sind mit gängigen und publizierten Barrieren vergleichbar (8). Um die Implementierung zusätzlich zu unterstützen, wurde die Einführung des Querbettsessels in diesem Zusammenhang zweistufig an zwei verschiedenen Standorten durchgeführt. Zunächst erfolgte eine Testung für 2 Wochen auf der Medizinischen Intensivstation des katholischen Marienkrankenhaus Hamburg. Das Team der Intensivstation und die externen Begleiter haben eine umfangreiche Fachexpertise in der Mobilisation von beatmeten Patient*innen mit und ohne extrakorporale Verfahren. Diese Phase diente dazu, sich mit dem System vertraut zu machen und somit die Implementierung auf der anderen Intensivstation vorzubereiten.

Praxiseinblick in die Testergebnisse

Die Testung erfolgte im interprofessionellen Team aus Intensivpflegenden und Physiotherapeut*innen. Dabei bestand die Patient*innengruppe, an der der CrossSeat® getestet wurde, nahezu ausschließlich aus intubiert beatmeten Patient*innen.

Pflege im CrossSeat mit ThoraXsafe als Beckengurt

Pflege im CrossSeat mit ThoraXsafe als Thoraxgurt


Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten der Station und der eher geringen Lagerkapazität erwies sich die Möglichkeit der Entlüftung und Verstauung des Querbettsessels in einer Tasche als vorteilhaft. Die Befestigung des Sitzes erfolgt über ein Gurtsystem, welches den Sessel mit dem Bett verbindet. Die Montage wurde an verschiedenen Bettentypen erprobt und konnte mit etwas Übung einfach und sicher vorgenommen werden. Es wurden sowohl adipöse als auch kachektische Patient*innen in den CrossSeat® mobilisiert. Dabei fiel auf, dass die eher adipösen Patient*innen etwas stabiler positioniert werden konnten. Dafür konnten der Sitz und die Patient*innen bei Bedarf noch mit zusätzlichen Gurten an Thorax und Becken gesichert werden. Die Patient*innen sind in der Lage, sich selbst noch etwas zu bewegen, bspw. um ein Getränk zu sich zu nehmen, können jedoch nicht aufstehen oder aus dem Sitz rutschen. Bei kachektischen Patient*innen waren zur Stabilisierung zusätzliche Kissen und Keile nötig. Bei beiden Patient*innengruppen führte die etwas niedrige Rückenlehne teilweise zu Problemen bei der Abstützung des Kopfes, wenn kein ausreichender Eigentonus vorhanden war. Abgesehen von der nicht ausreichenden Kopffixierung wurde der Querbettsessel vom Personal als sehr hilfreich empfunden. Durch die sichere Fixierung der Patient*innen, ist es möglich, kurzfristig andere Tätigkeiten im Raum durchzuführen.

Vor- und Nachteile CrossSeat®

Das bewirkt der Erfahrungsaustausch unter Praktiker*innen

Im November und Dezember 2019 wurden auf der ITS in Bremerhaven 25 Mobilisationen mit dem CrossSeat® durchgeführt. Davon waren in etwa ein Drittel der Patient*innen invasiv beatmet (endotracheal oder per Trachealkanüle). Die durchgeführten Mobilisationen wurden dabei von den jeweiligen Anwendern protokolliert. Die ersten Befestigungen des Sitzes an den Bettenrahmen funktionierten leider nicht wie gewünscht. Hier waren die positiven Erfahrungen aus Hamburg hilfreich, welche bei der Problembehebung vor Ort eingebracht werden konnten. Mit etwas Geschick und zusätzlichen Polsterungen für die Beine der Patient*innen wurden diese Anfangsschwierigkeiten schnell behoben. Als zusätzliche Polsterungen an den Bettgittern dienten Schaumstoffrohre (ähnlich wie für Isolationen von Heizungsrohren) die längs aufgeschnitten und von oben auf die heruntergelassenen Bettgitter gesteckt wurden. Der Einsatz erfolgte patient*innenenbezogen. Hierdurch wurden Druckstellen an der Unterseite der Oberschenkel vermieden und zusätzlicher Halt gegeben.

Da die Bremerhavener Intensivstation sehr weitläufig ist und hier teils lange Strecken zwischen Geräteraum und Patient*innenzimmer zurückgelegt werden müssen, stellte sich das leichte Gewicht als nützlich heraus. Aufgrund ausreichender Lagerkapazitäten musste der Sessel nicht entlüftet werden, was eine schnellere Anwendung ermöglichte. Zudem war der Sessel so leichter abwisch- und desinfizierbar.

Auch in Bremerhaven wurde die zu flache Rückenlehne und schlechte Position, insbesondere kachektischer Patient*innen, bemängelt. Nach Aussagen der Anwender konnten diese Patient*innen teilweise nicht aufrecht hingesetzt werden. Sie benötigten zusätzliche Auspolsterungen durch Kissen, um für einen sicheren Halt zu sorgen. Nach diesen „Nachbesserungen“ saßen auch diese Patient*innen fest in dem CrossSeat®. Das Fehlen eines Tisches wurde von einigen Anwendern negativ bewertet. Abhilfe konnte die Nutzung eines Beistelltisches schaffen.

Fazit: Keine neue Idee, aber spürbar angenehmer im Handling

Die (Früh-)Mobilisation insbesondere beatmeter Patient*innen ist noch nicht flächendeckend auf allen deutschen Intensivstationen etabliert. Industrielle Hilfsmittel stellen einen potenziellen Nutzen dar, benötigen jedoch Einweisungen, Begleitungen und Übung. Die Idee des Querbettsessels ist nicht neu, und es existieren mehrere Versionen am Markt. Wir empfanden insbesondere das leichte Gewicht und die schnelle Einsatzbereitschaft des CrossSeat® als großen Vorteil. Die Fixierung am Bett braucht etwas Geschick, ist jedoch an vielen Bettentypen problemlos umsetzbar. Adipöse Patient*innen fanden einen besonders sichereren Halt. Bei kachektischen Patient*innen sind noch zusätzliche Lagerungshilfsmittel notwendig. Durch Auspolsterungen mit Hilfe von Kissen u.ä. ist auch hier ein fester Sitz möglich. Der CrossSeat® ist als zusätzliche Mobilisationshilfe sehr gut geeignet und bietet eine schnelle und einfache Möglichkeit zur Mobilisation von Patient*innen an der Bettkante, die einem aktiven Sitzen sehr nahekommt.
 

Quellen: 
(1) Brower RG. Consequences of bed rest. Crit Care Med. 2009;37(10 Suppl):S422–S428. doi:10.1097/CCM.0b013e3181b6e30a
(2) Schweickert WD, Pohlman MC, Pohlman AS, et al. Early physical and occupational therapy in mechanically ventilated, critically ill patients: a randomised controlled trial. Lancet. 2009;373(9678):1874–1882. doi:10.1016/S0140-6736(09)60658-9
(3) Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) (2015). S2e-Leitlinie: „Lagerungstherapie und Frühmobilisation zur Prophylaxe oder Therapie von pulmonalen Funktionsstörungen" unter: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/001-015.html (letzter Aufruf: 14.04.2020)
(4) Hermes C, Nydahl P, Henzler D, Bein T (2016). Lagerungstherapie und Frühmobilisation auf der Intensivstation: Erkenntnisse aus der aktuellen Leitlinie 2015. Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin
(5) Nydahl P, Sricharoenchai T, Chandra S, Kundt FS, Huang M, Fischill M, et al. Safety of Patient Mobilization and Rehabilitation in the Intensive Care Unit. Systematic Review with Meta-Analysis. Ann Am Thorac Soc. 2017;14(5):766-77. Epub 2017/02/24. doi: 10.1513/AnnalsATS.201611-843SR. PubMed PMID: 28231030
(6) Nydahl P, Dubb R, Filipovic S, Hermes C, et al. Algorithmen zur Frühmobilisierung auf Intensivstationen. Med Klin Intensivmed Notfmed 112, 156–162 (2017). doi.org/10.1007/s00063-016-0210-8
(7) Hodgson C, Needham D, Haines K et al (2014) Feasibility and inter-rater reliability of the ICU Mobility Scale. Heart Lung 43:19–24
(8) Dubb R, Nydahl P, Hermes C, Schwabbauer N, Toonstra A, Parker AM, Kaltwasser A, Needham DM. Barriers and Strategies for Early Mobilization of Patients in Intensive Care Units. Ann Am Thorac Soc. 2016 Feb 1.

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