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Porträt Claus Fussek

"Empört euch! Schämt euch! Beendet das Schweigen! Solidarisiert euch!"

Der Münchner Sozialpädagoge Claus Fussek benennt seit 30 Jahren Missstände der Pflegebranche, legt den Finger in die Wunde, redet Klartext. Sein Anliegen: Denen eine Stimme geben, die keine haben - pflegebedürftige Menschen. Dafür hat er sogar seinen Ruhestand auf unbestimmte Zeit verschoben.

Claus Fussek kommt schnell zum Punkt. Auf die Frage, was er nach 30 Jahren des unermüdlichen Einsatzes für pflegebedürftige Menschen erreicht habe, antwortet er: "Die Probleme sind seit vielen Jahren dieselben. Noch immer liegen alte, pflegebedürftige, hilflose, vollkommen ausgelieferte, besonders schutzbedürftige, sterbende Menschen in ihren Ausscheidungen, in ihrem Kot, in ihrer Scheiße. Und das in zertifizierten, qualitätsgeprüften Pflegeheimen und Krankenhäusern in Deutschland - mit Bestnoten und 90 bis 100% Bewohnerzufriedenheit."

"Alle schauen weg, keiner empört sich!"

Fussek deckt seit 3 Jahrzehnten Missstände der Pflegebranche auf. Sein Ziel ist, denen eine Stimme zu geben, die keine haben: pflegebedürftigen  Menschen. "Wenn wir die Kriterien von Amnesty International zugrunde legen, dann müssten wir bei vielen Missständen in Pflegeheimen von Folter reden. Schlafentzug gilt im Gefangenenlager Guantanamo als Folter. In vielen deutschen Pflegeheimen hingegen werden Bewohner regelmäßig nachts geweckt und gewaschen, damit es im Frühdienst etwas ruhiger ist. Einen Dauerkatheter oder eine Magensonde als pflegeerleichternde Maßnahme zu legen, ist Körperverletzung. Das kommt in der Altenpflege jedoch regelmäßig vor."

Diese Worte fielen vor sieben Jahren in einem Interview mit der Zeitschrift "Die Schwester Der Pfleger". Fussek heute: "Sie können das Interview eins-zu-eins erneut abdrucken. Alles stimmt weiterhin, nichts hat sich geändert. Über die Zustände in Pflegeheimen wissen viele Menschen Bescheid - Pflegekräfte, Heimleitungen, Angehörige, Besucher, gesetzliche Betreuer, Notärzte, Bestatter, Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes, Heimaufsicht und so weiter. Aber: Keiner schämt sich, keiner empört sich über die grausamen, beschämenden Formen der Demütigung, Erniedrigung." Denn: Zwischen vielen Heimbetreibern, MDK, Heimaufsicht, Ärzten, Politik und Kostenträgern habe sich ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis entwickelt. Dies mache es schwer, gegen die Missstände anzukämpfen. Fussek plädiert für ein "Ende der Allianz des Schweigens und Wegschauens", ein "Aufstand der Anständigen". 

Der 27. April 1997 veränderte alles

Claus Fussek – geboren 1953, verheiratet, zwei Söhne – ist hauptberuflich seit 1978 als Sozialpädagoge bei der "Vereinigung Integrationsförderung (VIF)" in München tätig, die sozial Benachteiligte mit verschiedenen Dienstleistungen unterstützt. Öffentlichkeitsarbeit war von Beginn an eine seiner zentralen Aufgaben. "Mit der Presse konnte ich immer schon gut umgehen", sagt Fussek mit süffisantem Grinsen, "denn ich habe immer gesagt, was ich denke – und Journalisten schätzen es ja, wenn einer Klartext redet".

Durch die Pressearbeit kamen über die Jahre immer mehr Anfragen von Hilfesuchenden. Anfangs seien dies Menschen gewesen, die mit der Pflege eines Angehörigen überfordert oder mit der pflegerischen Versorgung ihres Familienmitglieds im Heim unzufrieden waren. Um sich selbst vor Ort ein Bild zu machen, besuchte Fussek Pflegeheime und wurde schnell Zeuge gravierender Missstände. "Unter anderem musste ich mit ansehen, wie hilflose Menschen mit einem Zahlenschloss an ihren Rollstuhl festgebunden waren. Furchtbar."

Der Tag, der Fusseks Leben und das seiner Familie endgültig veränderte, war der 27. April 1997. Bei einer Pressekonferenz im Münchner Rathaus deckte er seine über Jahre gesammelten Missstände in stationären Pflegeeinrichtungen auf. Ein gefundenes Fressen für die Lokalzeitungen: Tagelang wurde in allen Münchner Blättern auf den Titelseiten berichten – der Skandal wurde zum Stadtgespräch.

"Ab diesem Zeitpunkt war nichts wie zuvor", sagt Fussek rückblickend. "Seit dieser Zeit erreichen mich täglich Dutzende von Briefen, Anrufen, Faxe und E-Mails. Zwei Drittel der Hilferufe kommen von vollkommen verzweifelten Pflegekräften, die die Arbeitssituation in den Heimen nicht mehr aushalten." 

Verzweifelten Pflegenden rät Fussek, das Schweigen zu brechen. "Warum dokumentieren Pflegekräfte nicht endlich ehrlich und selbstbewusst nur noch das, was sie tatsächlich leisten können? Warum solidarisieren sie sich nicht endlich untereinander und verbünden sich mit den ihnen anvertrauten schutzbefohlenen Menschen und deren Angehörigen? Dieses Bündnis wäre mächtiger als alle Piloten und Lokomotivführer in diesem Land."

Doch noch nicht in Rente

Im vergangenen Jahr wurde Fussek 65 Jahre alt. Medien berichteten: "Deutschlands bekanntester Pflegekritiker geht in Rente." Eine Falschmeldung; Fussek verlängerte seinen Arbeitsvertrag mit der VIF auf unbestimmte Zeit. Der Grund? "Das Schicksal der Schwächsten unter den Schwachen treibt mich um. Es lässt mich nicht zur Ruhe kommen." Der "Engel der Alten" setzt seinen Kampf also fort. Wie vor 30 Jahren lautet sein Plädoyer weiterhin: "Empört euch! Schämt euch! beendet das Schweigen! Solidarisiert euch!"

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